10.04.2012, Die Glocke

Bachs Jahrundertwerk ein nachwirkendes Erlebnis

Matthäuspassion in der Martin-Luther-Kirche

Johann Sebastian Bachs ergreifender Passionsbericht ist in der Martin-Luther-Kirche musikalisch eindringlich umgesetzt worden.
Mehr noch als die große h-moll-Messe, die Johannespassion und alle Instrumentalwerke Johann Sebastian Bachs ist die Matthäuspassion als erhabene Schöpfung musikalischer Weltkultur zu geschichtlicher Würde gelangt. Termingerecht am Karfreitag hat sich der Gütersloher Bachchor der großen Herausforderung gestellt.
Sigmund Bothmann, der mit raumgreifender Gestik zwei Chöre, zwei Orchester und fünf Vokalsolisten zu Höchstleistungen inspirierte, gelang eine Aufführung nach Maß. Mit den rund 60 Sängerinnen und Sänger des durch frische Jugendstimmen erweiterten Chorklangs gelang ihm eine Wiedergabe voll innerer Dramatik, die in den leitmotivischen, vielfach variierten Sätzen des Chorals "O Haupt voll Blut und Wunden" das einst übliche Pathos durch eine volkstonhafte, intensivere Deutung ersetzte und die Glaubwürdigkeit des Passionsgeschehens effektvoll herausarbeitete.
Schon die einleitende doppelchörige Phantasie bewies die eindrucksvolle Ausgewogenheit des Klangbilds, die hohe Musikalität und die Vortragsdisziplin der vortrefflich eingestellten Akteure. Immer wieder imponierte der planvolle Aufbau des gewaltigen Werks.
In einem wahrhaft barocken Reichtum an Einfällen und musikalischer Meisterschaft folgt dem ersten Teil, der von Abendmahl, Gethesemane und Gefangennahme berichtet, die hochdramatische Zuspitzung mit Verhören, Kreuzigung und Grablegung im zweiten Teil des Opus BWV 244. Große Anforderungen an die zwei- bis achtstimmigen Chöre stellten die schwierigen fugierten Passagen und die häufigen Turbae, wilde Einwürfe wie die Fuge "Lass ihn kreuzigen" oder das Fortissimo des "Barrabas" der hasserfüllten Menge.

Profilierte Solisten
Für den umfangreichen Part des Evangelisten, der den biblischen Passionsbericht in Secco-Rezitativen übermittelt, war mit Lothar Odinius ein klassischer Oratoriensänger aufgeboten. Mit schlankem, verkündigungsfrohem Tenor und mit dem lyrischen Schmelz gefühlvoller Arien bildete er auf der Kanzel den Mittelpunkt der Einstudierung. In würdevoller Gemessenheit gestaltete Maximilian Lika mit warm getöntem Bass die Worte des leidenden Christus. In seiner Parallele war Markus Krause mit mächtiger Donnerstimme, die zuweilen theaterhaft die stilistische Konzeption zu sprengen drohte, mit machtvollen Bass-Arien zur Stelle. Sabine Ritterbusch hat den Atem einer großen Stimme, die aus innerer Kraft schöpft und mit der Sopranarie "Aus Liebe will mein Heiland sterben" liedgestaltend ans Herz rührte. Bettina Pieck mit ausdrucksvoller Mittellage, aber geringerer Durchsetzung in den unteren Bereichen der Partie, beeindruckte mit mehreren anrührenden Altsoli.
Für authentischen Barockklang sorgte das an allen Pulten kompetente Bachorchester Gütersloh mit profilierten Leistungen im Soloeinsatz von Flöte, Violine, Oboe und Continuo. Die von einer notwendigen Pause unterbrochene dreistündige Aufführung mündete am frühen Abend in das Chorrezitativ im Wechsel mit den vier Solisten, ehe der Doppelchor zum großen achtstimmigen sanften Lebewohl anhob: "Wir setzen uns mit Tränen nieder." Begeisterter, stehend dargebrachter Beifall in der voll besetzten Kirche würdigte angemessen eine Aufführung von historischer Dimension.
Dr. Ulrich Gehre

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