10.04.2012, Neue Westfälische

Eine Geschichte von Schuld und Unschuld

Bachchor begeistert mit Matthäuspassion

Monumental ist dieses Unterfangen. Nicht nur durch die zeitliche und klangkörperliche Dimension, auch durch die Fragen, die es stellt. Wie jedes Jahr wurde am Karfreitag vielerorts die Matthäus-Passion von Bach aufgeführt: in der Thomaskirche in Leipzig, wo 1727 ihre Uraufführung stattfand und erfreulicherweise auch in der Gütersloher Martin-Luther-Kirche, wo Sigmund Bothmann zusammen mit dem Bachchor, der Choralsingschule, dem Knabenchor, dem Bachorchester Gütersloh und den Solisten seine Version Jesu Leidens darstellte.
Eine Interpretation ist nach der Überzeugung von Helmuth Rilling, einem Bachkenner, eine "Vergegenwärtigung und nicht Rekonstruktion". Bothmanns musikalische Botschaft war alles andere als rekonstruiert. Sein künstlerischer Impetus übertrug sich sichtbar auf die Musiker. Seine charismatische Hingabe hinderte ihn dennoch nicht, das geordnete Ganze im Auge zu behalten, das Kontemplative mit mäßigen Tempi zu stützen und gleichzeitig nach einer Balance zwischen dem Dramatischen und Epischen, dem Rationalen und Emotionalen, dem Illustrativen und Abstrakten zu streben.
Es geht in der Matthäuspassion um das Überdimensionale, um Leben und Sterben, Liebe und Verrat, Schuld und Sühne. Die biblischen Geschehnisse werden vom Evangelisten vorgetragen. In dieser gewichtigen Rolle hat der Tenor Lothar Odinius eine glänzende Figur gemacht, mit der in allen Lagen strahlenden Stimme, einer natürlichen Diktion in den Rezitativen und dem warmen Timbre in den Arien.
Maximilian Lika gab den Worten Jesu in einer bedachten Art und mit der edlen Stimme eine schmerzliche Tiefe und Würde. Markus Krause, zuständig für die Bassarien, beeindruckte mit der voluminösen Stimme und dem intensiven Gestaltungspotential. Mit einer vokalen Leuchtkraft und dennoch einfühlsam sang die Sopranistin Sabine Ritterbusch, ein verinnerlichtes Klangbild bot Bettina Pieck, in der Arie "Erbarme dich" führte sie zusammen mit der Konzertmeisterin Margarete Adorf einen feinfühligen Dialog.
Während der Evangelist die Geschichte Jesu sachlich erzählt, kommentieren die Chöre das Geschehene mal betrachtend, mal aufgeregt, mal sogar wütend. Diesen gewichtigen Auftrag vertraute Bach zwei vierstimmigen Chören sowie den Sopranstimmen (an dieser Stelle der Gütersloher Knabenchor, wie gewohnt tonsicher) an.
Fast alle in Gütersloh zur Verfügung stehenden Choristen hatten demzufolge an diesem Karfreitag Dienst. Der erfahrene Bachchor und die singende Nachkommenschaft zusammen mit dem Bachorchester erfüllten die gigantische Aufgabe meisterlich.
Auf die Frage, ob die "Matthäuspassion" das größte Werk der Musikgeschichte sei, antwortete der berühmte Cellist Pablo Casals: "Da stimme ich tausendmal zu." Nach dem über dreistündigen bewegenden Hörerlebnis durfte das Gütersloher Publikum dem großen Musiker beistimmen: Diese Worte bewarheiten sich immer wieder!
Eugenie Kusch

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