31.05.2011, Neue Westfälische / Die Glocke

Geschliffener Chorklang

Festkonzert des Gütersloher Bachchors in der Martin-Luther-Kirche
In müheloser Klangklarheit rückwärts durch die Zeit

Die Martin-Luther-Kirche hat seit ihrer Einweihung im Jahre 1861 eine Vielzahl von feierlichen Momenten - wie Taufen, Trauungen und Trauerfeiern - erlebt. Am Samstagabend stand die neugotische Kiche im Herzen von Gütersloh selbst im Zentrum eines feierlichen Konzertes: Der Bachchor unter der Leitung von Sigmund Bothmann widmete ihr ein Festkonzert zum 150jährigen Jubiläum.
In brillanter, klangintensiver Leichtigkeit widmete sich der Chor zunächst Benjamin Brittens 1942 uraufgeführter fünfstimmiger "Hymn to St. Cecilia", bescherte den gut 400 gebannt lauschenden Hörern intensive Momente und wandte sich dann zwei Komponisten aus der Zeit des Kirchbaus zu.
Dem zart zelebrierten "Locus iste" von Anton Bruckner folgte Johannes Brahms Motette "Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen". Auch hier kam die souveräne Wendigkeit des wohlausgewogenen, in allen Lagen, Lautstärken und Tempi in müheloser Klangklarheit agierenden Chores unter der ausholend-energiegeladenen Leitung von Sigmund Bothmann bestens zur Geltung.
Beim wiederholten "Warum" - die erste Silbe im kirchenfüllenden Forte, die zweite im zarten Piano dahintergesetzt - bewies der Chor beachtliche dynamische Bandbreite innerhalb eines einzigen Wortes.
Nach dreißig Minuten romantischem Hörgenuss wandte sich der Bachchor der Barockmusik zu. Für die Motetten "Jesu meine Freude" und "Singet dem Herrn ein neues Lied" von Johann Sebastian Bach holte Sigmund Bothmann mit der Cammermusik Potsdam stilsichere Insrumentalunterstützung in den Altarraum.
Die auch als Kirchenchorliteratur bekannten Choralstrophen aus "Jesu meine Freude" legten Bothmann und seine Musiker worttransportierend in differenzierter Ausgestaltung an. Auch die sechs dazwischen liegenden Sätze, um die so mancher Chor aus gutem Grund einen Bogen macht, formulierten sie souverän als geschliffene Highlights.
Die hohe gesangliche Qualität jedes einzelnen Chormitglieds spiegelte sich nicht nur im Gesamtklang, sondern auch in der Auswahl der insgesamt neun Solistinnen und Solisten wider: Sie alle kamen aus den Reihen des Bachchors, zeichneten sich durch naturnah timbrierte Stimmkraft von müheloser Geläufigkeit aus und fügten sich nahtlos ins Gesamtklangbild ein, das Bothmann in vitaler Brillanz aus den hochklassigen Einzelstimmen formte. Klar, dass das perfekt präparierte Ensemble in der finalen Bachmotette auch achtstimmig überzeugte.
Ob die Martin-Luther-Kirche "ihr" Konzert genossen hat, ist unbekannt. Die Begeisterung der Hörer, die den Akteuren mit minutenlangem Applaus dankten, steht dagegen außer Zweifel.
Heike Sommerkamp

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