01.02.2011, Neue Westfälische

Nicht beruhigend, aber ergreifend

Bach-Kantaten zum Benefizkonzert

"Musik ist nicht dazu da, die Menschen zu beruhigen oder ihnen Erholung zu verschaffen, sondern sie aufzurütteln und zu erschrecken". So versteht Nikolaus Harnoncourt, der berühmte österreichische Dirigent, die Aufgabe der Musik.
Einige Kantaten von Bach als religiöse Offenbarungen des Komponisten bringen dem heutigen Zuhörer beinahe provokative Impulse zu intellektuellen und emotionalen Revisionen. Drei von diesen vokal-instrumentalen Werken wurden im Benefizkonzert zugunsten der Arbeit des Fördervereins historische Kirchen am vergangenen Samstag in der Apostelkirche dargeboten. Aus Anlass seines 70. Geburtstags hat sich der Vorsitzende Ullrich Felchner mit dem von ihm gesponserten Konzert bei seinen treuen Freunden für die langjährige finanzielle Unterstützung bedankt.
"Ich habe genug" heißt die Kantate BWV 82 für Bass solo und Orchester. Bach greift hier auf die Geschichte Simeons aus dem Lukas-Evangelium zurück. Der Greis, der mit dem Irdischen abgeschlossen hat ("Hier muss ich das Elend bauen") erwartet den Tod mit Hoffnung und Freude ("Dort werd ich schauen süßen Friede"). Derartige Weltverneinung ruft aus heutiger Sicht zuerst eine Ablehnung hervor. Gleichzeitig aber erstaunt die musikalische Sprache, die dieser biblischen Passage Ausdruck verleiht. Einerseits bekommen die Worte des Mannes schon allein durch die Schlichtheit der gleichbleibenden Instrumentalbesetzung (Oboe, Continuo, Streicher) eine wirkungsvolle Glaubensbeharrlichkeit, andererseits wählt der Komponist eine bildhafte Tonsprache mit einer ganzen Palette der musikalischen Mittel. Einfach und vielschichtig zugleich.
In zwei anderen Kantaten: "Gott soll allein mein Herze haben" BWV 169 und "Geist und Seele wird verwirret" BWV 35 für Alt und Orchester ist die Glaubensauslegung nur teilweise so ambivalent. Hier geht es vorwiegend um ein Gotteslob, das die Solistin und einzelne Instrumente in Dialogen führen. In der Arie "Stirb in mir" kommt jedoch der Gedanke des ersehnten Todes wieder ("Und lass mich bald mein martervolles Leben enden"). Die begleitenden Instrumente, vor allem die fast solistisch eingesetzte Orgel, erhalten hier deutlich größere Bedeutung.
Frisch und kreativ gestalteten die Instrumentalisten des Potsdamer Cammerorchesters alle drei Kantaten vom Cembalo feinfühlig geführt durch Sigmund Bothmann, bravouros unterstützt durch den Organisten Björn O. Wiede, dem Nikolaikantor aus Potsdam, und durch den Konzertmeister Wolfgang Hasleder dessen aufmunternder Beitrag unübersehbar war. Die beiden Solisten, Bettina Pieck und Jens Hamann, haben den Arien und Rezitativen mit der plastischen Wortausdeutung ihre individuellen Züge verliehen. Sie sangen mit Hingabe, hoher Musikalität und stimmlicher Souveränität.
Eine derartige Darstellung nahm das Publikum mit Dankbarkeit entgegen. Das war eben Musik von Bach: nicht unbedingt beruhigend, durchaus aber ergreifend.

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