20.12.2011, Die Glocke

Ein Messias, der die Menschen besser macht

Bachchor und Cammermusik Potsdam

"Grand Musical Entertainment". Das Urteil stammt von Charles Jennes, dem Librettisten von Händels "Messias". Wer möchte daran zweifeln? Händel selbst aber wollte mehr. "Ich wäre betrübt, wenn ich die Zuhörer nur unterhalten hätte; ich wollte sie zu besseren Menschen machen", stellte er mit Blick aufs Publikum klar.
Bei der Aufführung des Bachchors am Sonntag in der Martin-Luther-Kirche in englischer Originalfassung hat sicher der exzellente musikalische Unterhaltungswert im Vordergrund gestanden. Die Frage, ob er bei den Zuhörern auch die von Händel ins Auge gefasste Wirkung gezeitigt hat, muss unbeantwortet bleiben. Ohne Zweifel hätte sie dazu das Zeug gehabt.
Von Beginn an fügte sich alles zu einem beeindruckenden Gesamtbild: die sorgfältige Auswahl des Solistenquartetts aus Cornelie Isenbürger (Sopran), Bettina Pieck (Alt), Georg Poplutz (Tenor) sowie Markus Krause (Bass), die edle, hervorragend eingespielte "Cammermusik Potsdam" mit ihren historischen Instrumenten, ein rundum ausgereifter, gewissenhaft vorbereiteter Bachchor und nicht zuletzt Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann mit beherztem, souveränem Zugriff.
Händels Komposition, glanzvoller Gipfelpunkt seines Oratorienschaffens, stellt eine einzige monumentale musikalische Verkündigung der Heilsgeschichte nach Bibelzitaten dar, angefangen von den Weissagungen des Alten Testaments bis zur Geheimen Offenbarung des Johannes. Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf hatten die Solisten sich in besonderer Weise der Text ausdeutenden Interpretation ihrer Rollen verschrieben. Dabei verfügten sie über eine Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten: Isenbürger mit glänzenden Klangkronen, Pieck mit milder Wärme, Poplutz mit herrlichem Aufblühen der Klangentwicklung und Krause mit seiner Ehrfurcht gebietenden Sarastro-Stimme. Allein gemeinsam war die hervorragende Artikulierung der englischen Sprache.
Der Bachchor erwies sich einmal mehr als sehr elastische Formation, der ihr ausgeprägter Gestaltungswille ebenso anzumerken war. Den Prüfstein der Chorkunst, das in jeder Messias-Aufführung ungeduldig ersehnte "Hallelujah", vom Orchester fast zärtlich intoniert, formte der Chor zum erwarteten Renommierstück: wohl dosiert, akzentuiert und völlig unangestrengt.
Die Wirkung war, befreit vom großbürgerlichen Pomp des 19. Jahrhunderts, durchschlagend. Nicht minder grandios der Schlusschor und die Amen-Fuge. Was nach dem rauschenden Beifall mit einer Extraportion für den Chor als Zugabe kam, war klar: "Halleluja".
Bernd Neumüller


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