18.10.2011, Die Glocke

Konzert wird zur Sternstunde


Ganz nach oben zu kommen, erfordert den Einsatz aller Kräfte - ganz oben zu bleiben noch mehr. Und es bedarf eines soliden Fundaments. Beim Bachchor Gütersloh heißt das Traditionsbewusstsein.
Es erscheint daher nur folgerichtig, dass sich Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann aus diesem Bewusstsein heraus mit großer Aufgeschlossenheit neuen Ufern zuwendet. Das jüngste Konzert in der Martin-Luther-Kirche steht dafür in paradigmatischer Weise. Es geriet selbst im musikverwöhnten Gütersloh zu einer Sternstunde.
Zweifellos wird Chor- und Orgelliteratur in solch hochkarätiger Form selten angeboten. Es versteht sich daher von allein, dass sie nur von Künstlern realisiert werden kann, die absolute Professionalität mit überzeugender Freude an der Musik in Einklang zu bringen verstehen. Am Sonntag waren das Simon Borkowski, Knabensopran, Knut Schoch, Tenor, Christian Weiherer, Orgel, Gerdie Broeksma, Harfe, und Konstantinos Argyropoulos, Schlagzeug, sowie der mit überlegener Souveränität zu Werke gehende Bachchor unter Bothmanns feuriger, Begeisterung entfachender Gesamtleitung.
Das "Vater Unser" von Leos Janácek markierte einen Beginn, wie er in den Solopartien mit Schochs wunderbar samtigem, gleichzeitig von fülliger Strahlkraft beseeltem Tenor kaum hätte besser ausfallen können. In der "Toccata planyavska" von Guy Bovet mit ihren scharfen rhythmischen Akzentuierungen und in der "Toccata" von Fancis Pott im "Freistil" ließ Weiherer seine Stärken und auch seinen Witz im virtuosen Orgelspiel aufblitzen. Er machte die Orgelbank zum Fitnessstudio. Vergleichsweise ruhig ließ er das "Gaudeamus in loci pace" von James MacMillan folgen. Da malten solistische Register in Extremlagen als Vogelstimmen die Freude über einen grundtönigen Klangteppich des Friedens.
Wurde schon Ralph Vaughan Williams "A Vision of Aeroplanes" mit einem Text in Anlehnung an die Apokalypse des Johannes zu einer intellektuellen Herausforderung für Interpreten und Zuhörer, so galt das in noch höherem Maße für die "Chichester Psalms" von Leonard Bernstein. Die Vertonung hebräischer Original-Psalmtexte muss zu den Spitzenleistungen der geistlichen Musik des 20. Jahrhunderts gerechnet werden. Die Originalsprache ist ein absolutes Muss. Die vielfältigen stilistischen Elemente sind nur von Interpreten zu bewältigen, die in allen Bereichen der Musik der letzten 300 Jahre beheimatet sind. Das Urteil über den agierenden Bachchor kann nur lauten: eine Perlenkette von Höhepunkten.
Bernd Heumüller

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