03.11.2010, Neue Westfälische / Die Glocke

Packende Bewegtheit

Bachchor singt "Deutsches Requiem" von Brahms

Ein Werk des Trostes ist das "Deutsche Requiem"von Johannes Brahms, den Hinterbliebenen zur Linderung des Schmerzes komponiert. Ein Ausdruck eigener Gläubigkeit ist es hingegen nicht. Der Hinweis auf die Auferstehung im fünften Satz habe ihm nur als "musikalisch verwendbares Symbol" gedient.
Inwiefern Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann die freigeistige Einstellung des Komponisten bei der Aufführung des Werks am katholischen Allerheiligen-Feiertag beeinflusst hat, kann nur vermutet werden. Aber dass er das Stück nicht als Bekenntnismusik im romantischen Sinne begriff, was allenthalben hörbar. Wie Bothmann mit dem Bachchor und dem Bachorchester Gütersloh das Requiem als vokal-instrumentale Kammermusik in der gut besuchten Martin-Luther-Kirche musizieren ließ, zeugte von Sensibilität, ohne dass es der Musik an Dringlichkeit, zuweilen auch packender Bewegtheit gemangelt hätte.
Der mit 44 Stimmen besetzte Chor, in dem auffallend viele junge Gesichter zu sehen waren, zeichnete sich durch unforcierte Beweglichkeit aus. Er durchmaß die dynamischen Spannweiten des Stückes souverän, blieb am psalmmodierenden "Denn wir haben hie keine bleibende Statt" mit dem leichten Schweller auf jeder zweiten Silbe noch im homogenen Fluss und vollzog das Crescendo bei "Denn alles Fleische es ist wie Gras" mit herzbewegender Intensität, versah den Sieg über die Hölle als dramatischen Appell. Lediglich in polyphonen Passagen wie der über pochenendem Orgelpunkt drängenden Fuge "Der Gerechten Seele sind in Gottes Hand" fehlte letzte Sicherheit.
Auch das Orchester hinterließ, bis auf winzige Ungestimmtheiten im Holz, einen glänzenden Eindruck. Es bildete mit dem Chor eine harmonische Einheit und ließ auch den exzellenten Solisten Raum zur Gestaltung ihrer Partien. Sabine Ritterbusch meisterte den heiklen Satz "Ihr habt nun Traurigkeit" mit ausdrucksstark-beweglichem Sopran und gestaltete so den lyrischen Mittelpunkt des Stückes ergreifend aus.
Jens Hamann erfreute mit seinem ausgeglichenen Bariton, stellte das warme Timbre seiner Stimme in den Dienst der Musik, die sich hier dem Einzelnen, dem bedrängten Individuum zuwendet. Einzig die extremen Höhen bei "und ich davon muss" gerieten nicht ohne Anstrengung. Am Ende, nach dem das Werk mit einem vom Chor ganz leise gesungenem "Selig" verklungen war, herrschte für einige Sekunden stille Ergriffenheit im Raum. Auch ohne den lang anhaltenden Beifall war spürbar, dass die Botschaft des Werkes noch immer Verstand und Herzen erreicht.
Matthias Gans

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