19.02.2008, Die Glocke

Bachchor meistert die Musterfälle moderner Musik


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Gütersloh. Im Verein mit international renommierten Sangesgemeinschaften hat der Gütersloher Bachchor im Rahmen des Europäischen Chorfestivals die heimische Karte zu spielen gehabt.

Er tat dies mit vollendeter Bravour, als er sich am Sonntagabend mit einem Programm maßvoller Moderne in der Martin-Luther-Kirche seinem Publikum stellte. Krönung und Abschluss der Programmfolge, die sich Neuerern der Musik in ihrer gleichzeitigen Bindung an das traditionelle Erbe widmete, bildete die „Messe“ des schweizerischen Komponisten Frank Martin. Das Werk gliedert sich in die fünf Teile der katholischen Messfeier und hebt an mit einem behutsamen, polyphon verschlungenen Kyrie, ehe der Gloria-Jubel des Doppelchors aufbrandet und Frank Martin Tonalität bis ins Extrem erweitert, ohne sie jedoch vollends in Frage zu stellen.

Sigmund Bothmann gestaltete mit seinen 40 vortrefflich geschulten Sängern, die seiner temperamentvollen Deutung aufs Wort folgten, das Werk in der Vielschichtigkeit seiner rhythmisch akzentuierten, tonal neuartigen Schreibweise als einen Musterfall aktueller A-cappella- Musik. Er strukturierte die unterschiedlichen Messteile vom sachlichen Erzählstil des breit sich verströmenden Credo, in dem das „Et sepultus est“ sanft ausschwingt, über das vielfältig ausgelegte Sanctus bis zum leise wiegenden Rhythmus des Agnus Dei und seinem „Dona-nobis-pacem“- Finale als anrührendes, in enger Textbindung entwickeltes Glaubensbekenntnis. In den unbestechlichen A-cappella-Sätzen des Werks bewies der Bachchor erneut seine absolute Ausnahmestellung unter den heimischen Chorgemeinschaften und kann in dieser Form mit den berühmten ausländischen Gastchören jederzeit Schritt halten.

Der Bachchor hatte sich zuvor – auf der Orgelbühne positioniert – mit Benjamin Brittens Kantate „Loblied auf das Lamm“ eindrucksvoll zu Wort gemeldet, eine vokal inspirierte, immer gesanglich empfundene Musik in prägnanter Melodik und rhythmisch- malerischer Vielfalt. Der Text des aufwendigen Werks entstammt einem langen Gedicht gleichen Titels von Christopher Smart, aus dem der geniale britische Komponist die Passagen der Gottesverehrung durch alle Geschöpfe und Dinge auswählte. Die Soli des facettenreichen Opus waren in Sopran, Alt und Tenor sauber artikulierenden Stimmkünstlern aufgetragen, die ebenso wie der Chor selbst durch seine ausgeprägte Musikalität und treffliche Wortverständlichkeit beeindruckten. Gleichfalls aus dem Off des weiten Raumes erklang mit Zoltan Kodalys „Loblied auf die Orgel“ ein interessantes Stück neuerer ungarischer Musikkultur, in dem der Orgel eine dominierende Funktion zugewiesen ist. Ob in kraftvollen Tutti, in virtuosen Laufpassagen oder liedhafter Melodik – stets behielt Christian Weiherer in farbigen Registern spieltechnisch und gestalterisch die Übersicht über seinen mit den Chorpassagen innig verwobenen Part. Kodaly preist nach ausführlichem Vorspiel alle Tugenden des königlichen Instruments, malt in sanften Tönen die Chorbegleitung, zeichnet in lebhafter Rhythmik ihre „hüpfend kraftvollen Sprünge“ und schließt nach mehrfachem „Fiat“ mit den geteilten Stimmen des bewegenden Amen. Die Zuhörer brachten mit stehenden Ovationen ihre Begeisterung zum Ausdruck.

Dr. Ulrich Gehre

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2008-02-19 Glocke [PDF, 315 KB]