02.01.2008, Neue Westfälische

Furioser Abschied vom Jahr

Gefeiertes Gütersloher Bachorchester beim Silvesterkonzert in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh. Gibt es Musikwerke, die ähnlich festlich wirken wie Bachs Brandenburgische Konzerte? Gemacht scheinen sie zu sein einzig für den repräsentativen Augenblick, für schwelgerisches Genießen. Und doch sind diese sechs Konzerte auch erlesenste Kammermusik, feinste kompositorische Webkunst, deren aparte Erscheinung elegant die Wissenschaft des Tonsatzes verbirgt.

Beiden Aspekten, der feierlichen Erhebung des Hörers wie der Ergötzung des kennerhaften Ohrs, wurde das Gütersloher Bachorchester in seinem Silvesterkonzert glänzend gerecht. Günstig erkauft wurde die fulminante Aufführung nicht. Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann konnte erneut auf die handverlesene Schar exquisiter Musiker zurückgreifen, die ihm schon beim „Weihnachtsoratorium“ eine Woche zuvor zur Seite gestanden hatten.

Die vorzüglichen Solisten, allesamt erprobt auf dem Feld der historisch informierten Aufführungspraxis und in bedeutenden Ensembles der Alten Musik tätig, betrachteten ihre Aufgabe denn auch nicht als „Mugge“, als musikalischen Gelegenheitsjob, sondern konnten mit ihrem Enthusiasmus auch das Publikum in der fast ausverkauften Martin - Luther- Kirche begeistern.

In seinen sechs Konzerten experimentierte Bach mit verschiedenen Formen und Besetzungen, und diese Vielfalt wurde in der von Bothmann gewählten Folge von vier Konzerten sinnfällig deutlich. Die größte Besetzung bietet das 1. Konzert in F-Dur, das den Abend eröffnete. Wie hier Bach die einzelnen Orchestergruppen gegen- und miteinander antreten lässt, fesselte auch an diesem Abend durch eine Musizierlust, die in der Solistin und Konzertmeisterin Margarete Adorf eine ebenso kundige wie engagierte Anführerin fand.

Ganz auf die dunkle Klangfarbe tiefer Streicher abgestellt ist das 6. Konzert B-Dur, dessen dicht verwobene Textur gerade angesichts der halligen Kirchenakustik besonderen Ohrenmerk verlangte. Dass auch eine tagesaktuelle Umbesetzung - Geigerin Beate Corßen musste für eine erkrankte Kollegin an der Viola einspringen - keinen Qualitätsabfall mit sich brachre, spricht nicht nur für die handwerkliche Befähigung der Musikerin, sondern auch für den Ensemblegeist des Bachorchesters. Der Höhepunkt des Abends bahnte sich mit dem 5. Konzert an, das in Sigmund Bothmann, der das Orchester umsichtig vom Cembalo aus leitete, einen superben Solisten für die ausgedehnte Kadenz fand. Mit Michael Schmidt-Casdorffs herrlichem Traversflötenspiel und Margarete Adorfs silbrigem Geigenton formierte sich im Affetuoso-Trio ein berückender Gleichklang im musikalischen Denken und Fühlen. Ein Ereignis schließlich war Wilhelm Bruns, der im 2. Konzert seinem Naturhorn die Obertöne so virtuos stopfend abluchste, das niemand die vorgeschriebene Tromba in F vermisst haben dürfte. Bleibt zu hoffen, dass dem stürmisch beklatschten Jahresabschied ein musikalisch ähnlich furioses 2008 folgen möge.

Matthias Gans

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