31.01.2006, Neue Westfälische

Grandioses Mozart-Gedenken

Bachchor mit Requiem in ausverkaufter Martin-Luther-Kirche gefeiert

Gütersloh. (der/gans) Ein Requiem als Geburtstagsgruß? Selbstverständlich ließe sich Mozarts Geburt am vergangenen Freitag vor genau 250 Jahren fröhlicher, leichter, auch oberflächlicher feiern, als es der Bachchor Gütersloh tat. Doch seine Aufführung der Totenmesse geriet zu einem ergreifenden Mozart-Memorial.

Das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzten Martin-Luther-Kirche kam mit hoher Erwartung, und die wurden nicht nur erfüllt. Der Abend wurde zu einem Erlebnis voller innerer Spannung. Sigmund Bothmann gelang es, aus dem letzten Werk Mozarts ein Spiegelbild einer komplexen, durchaus widersprüchlichen Persönlichkeit zu machen.

Das Requiem wuchs über seinen liturgischen Charakter weit hinaus. Die Interpretation durch Sigmund Bothmann beließ es nicht nur bei der Ausführung schöner Musik. Er demonstrierte fesselnd, wie der Komponist im Angesicht des eigenen Todes mit den Höhen und Tiefen seines Leben persönlich rang und dies dramatisch in Musik umsetzte. Kein Hörer mit offenen Ohren und einiger Sensibilität konnte sich dem entziehen.

Die Fuge im Kyrie belegte Bothman, ohne im Tempo zu übertreiben, mit einer bedrängenden Unruhe. So, als ob Mozart mit seiner letzten Botschaft seinem eigenen Tode zuvorkommen wollte, bevor die unerbittlichen Trompetenstöße an die letzte Stunde gemahnten. Das »Rex tremendae« gestaltete er mit expressiven Akzenten im Chor und mit beängstigend pointierten Sechszehntel-Punktierungen bei den Streichern, begleitet von majestätischen Posaunenklängen, geradezu apokalyptisch, um dann um so kontrastreicher ein flehendes »Salve me« folgen zu lassen. Besonders im berühmten »Confutatis« wechselten sich in schneller Abfolge verwirrende Läufe der verzweifelten Ungeduld mit seligen engelsgleichen Passagen der Frauenstimmen ab.

Bei dem packenden, gebärdenreichen Dirigat spürte jeder Musikfreund, dass Bothmann und alle Musizierenden sich mit der gebrochenen Persönlichkeit eines Genies identifizierten. Der Chor sang seinen Part in tadelloser Klarheit der Intonation, jeglichem romantischem Pathos abhold und gerade daher umso beeindruckender. Das Orchester ging sehr sensibel zu Werke, wenn es den Duktus vorgab oder als Begleitung ausdrucksvoll figurierte. Die relativ kleine Besetzung sorgte dafür, dass die sonst oft zu üppig besetzten Streicher transparent der gestenreichen Klangrede dieser Komposition überaus wenig und sensibel nachvollziehen konnten. Und auch die Balance zu den Blech- und (mit Verlaub: noch wichtiger) Holzbläsern mit ihren charakteristischen Klangfarben (Bassett!) wurde so gewahrt und nicht durch den philharmonischen Weichzeichner eingeebnet.

Nicht zu vergessen die vier Solisten, allesamt exquisite und andernorts gefeierte Mozart-Sänger, die sich wunderbar in das Ganze einfügten: Christina Beckmann mit einem wundervoll leuchtenden lyrischen Sopran, Mechthild Georgs mit ihrer gewohnt ausgeglichenen und warm timbrierten Alt-Stimme, Mark Adler mit einem herrlich leichten, aber strahlkräftigem lyrischen Tenor und Andreas Wolf, dessen Bass Wendigkeit mit Sonorität vereint.

Wie wenig Bothmann sich im Mozart-Jahr dem Mainstream andienen wollte, war auch im einleitenden Werk, der Vertonung des 137. Psalms »Wir saßen an den Wassern zu Babylon und weinten« durch den in Berlin lebenden estnischen Komponisten Arvo Part zu erleben. Wurde das Werk mit seinen sehr schwierigen a-cappella-Einsätzen der einzelnen Chorstimmen und anschließender Orgelbegleitung von Bothmann eher als meditativer, fast esoterischer Gegensatz zelebriert, so geriet die folgende »Maurerische Trauermusik« c-Moll als feinfühlige Vorbereitung auf das Requiem.

Minutenlanger starker Beifall war der Dank für dieses Konzert, das in Programmsetzung wie Ausführung aus der Fülle ähnlicher Veranstaltung herausstach.

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