24.05.2005, Neue Westfälische

Fröhlich geläuterte Kirchenmusik

Europäisches Chorfestival: Bachchor Gütersloh brillierte mit Rossini-Messe

Gütersloh. »Das ist keine Kirchenmusik für euch Deutsche«, soll Rossini einmal über seine »Petite Messe solennelle« geäußert haben. »Meine heiligste Musik ist doch nur immer semi seria«, also nur halb ernst (zu nehmen?). Ein Satz, über den sich zu Anfang des »Europäischen Chorfestivals« beim Konzert des Bachchores in der sehr gut besuchten Martin-Luther-Kirche trefflich sinnieren ließ.

Was das je Eigene und das Übergreifende der einzelnen Beiträge dieses hochkarätigen Chorfestes ausmachen wird, bleibt bis zum Schlusskonzert am kommenden Sonntag (Rias-Kammerchor) noch abzuwarten. Dass die Grenzen des Geschmacks und des Stilgefühls sich aber seit der Pariser Uraufführung der »kleinen, armen Messe« (Rossini) im Jahr 1864 in der Hauskapelle des Comte Pillet-Will verschoben haben, dürfte auch in Hinsicht der brillanten Interpretation durch den Bachchor unter Sigmund Both-mann unzweifelhaft sein.

Gerade in den Chor-Passagen wird der Einfluss Bachs auf den Spätstil des in Paris lebenden, italienischen Opernkomponisten ohrenfällig, der somit einen reizvollen Gegensatz zu dem belcantohaften Operngestus der Solopartien schuf. Bereits im Mittelteil des eröffnenden »Kyrie« pflegt Rossini den Palestrina-Stil. Doch bei dem Meister aus Pesaro, das wird später auch in der so grandiosen wie konzis gearbeiteten »Cum sancto spiritu«-Fuge zu hören sein, führt dieser meisterhafte Kontrapunkt nicht zu stimmengeschichteter Gelehrsamkeit. Diese Musik hat Elan, Esprit, auch Eleganz.
Dass dies zu hören ist, verdankt sich auch der überaus geschmeidigen, stimmlich ausgewogenen, fließend deklamierten und selbstverständlich nuancierten dynamischen Gestaltung durch den von Bothmann gleichermaßen auf Perfektion wie Ausdruck geschulten Bachchor. Hätte Rossini gehört, wie feinsinnig und ernsthaft die Gütersloher die Opera buffa und die »Musica sacra« zu vereinen verstehen – der eingangs zitierte Satz wäre nie aus seinem Munde gekommen.

Auch das Solistenquartett fügte sich dem Konzept dieser fröhlich geläuterten Kirchenmusik so willig wie kundig. Vor allem die Damen, die Sopranistin Sabine Ritterbusch und Altistin Bettina Pieck, wussten die Schönheiten ihres Stimmmaterials in wissende Expressivität umzuwandeln. Markus Krause beeindruckte mit Volumen seines genau geführten Basses. Lediglich von Magnus Gislason hätte man sich - trotz seines metallisch glänzenden Tenors – etwas mehr Anteilnahme und Differenzierung gewünscht.

Wie sehr die originale Besetzung für zwei Klaviere und Harmonium der späteren, erzwungenen Orchesterfassung überlegen ist, wird erst bei so engagierten und souveränen Interpreten wie Christian Weiherer (Klavier), Martin Lücker (Harmonium und – allen voran – dem führenden ersten Pianisten Peter Kreutz richtig deutlich. Dass der Schlussbeifall beinahe südländisches Temperament offenbarte, war da nur konsequent.

Matthias Gans

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