22.03.2005, Neue Westfälische

A-cappella-Literatur in Reinkultur

Brüsseler Chor zu Gast in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh. A-cappella-Chormusik vornehmlich des 16. und 17. Jahrhunderts zur Passionszeit, noch dazu meist wenig bekannte, stand auf dem Programm, zu dem die Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh zu ungewohnt vormittäglicher Stunde eingeladen hatte. Ebenso ungewöhnlich war die Tatsache, dass gleich zwei hervorragende Ensembles dabei mitwirkten. Neben dem heimischen Bachchor waren die Brüssels Madrigal Singers angetreten, ein Chor, der sich auf a-cappella-Literatur spezialisiert hat.

Die knapp zwanzig Sängerinnen und Sänger erwiderten damit einen Besuch des Bachchores in Brüssel aus dem Jahre 2001. So hatten die Zuhörer die Chance, zwei exzellente Chöre mit durchaus unterschiedlichen Herangehensweisen an die Interpretation dieser Musik gegenübergestellt zu bekommen.

Der Bachchor unter der gewohnt souveränen Leitung von Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann widmete sich in diesem Konzert der Aufführung der Johannes-Passion von Christoph Demantius (1567 – 1643). Das dreiteilige Werk skizziert die Leidensgeschichte Jesu nach dem leicht gekürzten Wortlaut des Johannes-Evangeliums entgegen anderen Vertonungen nur durch den Chor allein. Dazu benutzt Demantius eine sehr ausdrucksstarke, barocke Tonsprache, die alle Affekte und Gefühlsregungen des Textes teils recht plastisch im sechsstimmigen Satz unterbringt.Dem Bachchor gelang dabei eine sehr lebendige Umsetzungdes schwierigen Werkes auf eindrucksvolle Weise. Demgegenüber setzte Julius Stenzel mit seinen Brüssels Madrigal Singers auf intime Töne.

Die Belgier präsentierten englische a-cappella-Literatur in Reinkultur. Fließende Renaissance-Klänge im »Miserere mei« von William Byrd (1542/43 – 1623), im »Salvator mundi« sowie den »Lamentations of the Prophet Jeremiah« von Thomas Tallis (1505 – 1585) gelangen dabei genauso überzeugend wie die ausdrucksstarken barocken Motetten »Remember not, Lord, our offences« und »Lord, how long wilt thou be angry?« von Henry Purcell (1659 – 1695).

Umrahmt wurden die Darbietungen der Einzelchöre durch zwei Motetten für gemischte Chöre, die von allen Mitgliedern gemeinsam aufgeführt wurden. Zum Eingang erklang unter Leitung von Sigmund Bothmann »Tristis est anima mea« im Satz von Johann Kuhnau (1660 – 1722). Den Abschluss bildete – zeitlich etwas aus dem Rahmen fallend – die Johannes-Brahms-Vertonung »Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?«, dirigiert von Julius Stenzel. In beiden Werken konnten die Sänger beider Ensembles ihre stimmlichen Fähigkeiten auch im größeren Kreis trefflich unter Beweis stellen.

Die Zuhörer in der nicht ganz gefüllten Martin-Luther-Kirche erlebten a-cappella-Chormusik in höchster Perfektion, dargeboten von zwei souveränen und klanglich sowie stimmlich sehr überzeugenden Ensembles. Es war eine vielleicht ungewöhnliche, aber sehr gelungene Einstimmung auf die Karwoche.

Matthias Bell

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