06.06.2004, Neue Westfälische

Bewegende Leidensgeschichte

Matthäuspassion des Bachchors Gütersloh

Gütersloh. Glaubt man dem aktuellen Trend aus Hollywood, muss das Blut in Großaufnahme spritzen, damit das Publikum die Passion Christi nachempfinden kann. Eindringlich, aber geschmackvoll brachte dagegen der Bachchor Gütersloh unter Leitung von Sigmund Bothmann mit einer überaus gelungenen Interpretation von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion (BWV 244) den in der voll besetzten Lutherkirche versammelten Kunstfreunden die Leidensgeschichte Jesu nahe.

In weicher Fülle und perfekter Intonation präsentierten die versierten Sänger sorgfältig und detailreich ausformulierte Choräle, zeigten ihr dramatisches Talent als entfesselte Volksmenge, beispielsweise mit schrillen »Barrabam!« – Rufen, und brachten selbst die zahlreichen Einwürfe gekonnt auf den Punkt. Auch die vom Komponisten geforderte Doppelchörigkeit konnte die Sänger nicht schocken: auch geteilt präsentierten sich die Chorhälften souverän und in harmonischer Ausgewogenheit. Einzig die an sich deutliche Aussprache der Sänger drang über das Orchester hinweg nur unvollständig zum Publikum.

Unterstützung gab es vom Nachwuchs: die Kinder der Choralsingschule durften bei zwei Stücken mitmachen. Hellwach, diszipliniert und wohlinstruiert erfreuten sie mit reinen, klaren Stimmen.

Auch das wunderbar harmonierende Solistensextett überzeugte. Während Bass Peter Lika die Jesusworte väterlich-profund in würdevoller Wärme, die menschlichen Empfindungen des Gottessohnes betonend, zelebrierte, erfreuten die anderen Fünf mit schlanken, energischen Stimmen, auch sie mit einer erfreulichen Neigung zur detailreich ausformulierten, akzentuiert-engagierten Werksinterpretation. Sopranistin Sabine Ritterbusch brillierte mit vibrierender Fülle, Mut zum Pianissimo und einer beachtlichen dynamischen Spanne dazwischen. Auch Bettina Pieck erfreute mit sensibler Ausdrucksstärke ihrer nach oben orientierten, aber in den Tiefen durchaus präsenten Altstimme. Im Duett »So ist mein Jesus nun gefangen« begeisterten die Solistinnen in vollendeter Harmonie.

Als Idealverkörperung des Evangelisten Matthäus empfahl sich Tenor Lothar Odinius, der seinen Part glaubhaft als mitreissend-spannende Schilderung der Ereignisse gestaltete, wobei sich sein reiner, fast knabenhafter Tenor mühelos bis in höchste Höhen schraubte. Die effektvoll-feurige Umsetzung der Tenorarien lieferte Mark Adler. Den Basspart mit Ausnahme der Jesusworte übernahm Christopher Jung. Ob als Judas, als Pilatus oder in den Bassarien, er erfüllte die Literatur durch engagierte Interpretationen mit Leben. Schade, das ihm die Tiefen zunehmend luftig bis hin zum Diminuendo gerieten; dies schmälerte die Wirkung einzelner Passagen erheblich.

Einige der kleineren Solostellen, wie Magd oder Hohenpriester, übernahmen stimmlich gut ausgebildete Choristen, ein sicheres Indiz für die hohe Qualität der Chorressourcen. Auch das hinreißend aufspielende Bachorchester lieferte nicht nur filigrane Klangfülle in bewundernswert variabler und richtungsvoller Ausgestaltung, sondern stellte mit zwei Querflöten, und zwar Holztraversflöten, zwei Oboen sowie zwei Violinen instrumentale Duettpartner auf höchstem technischen und gestalterischen Niveau. Detailreiche Hinweise zur aktuellen Ausgestaltung gab Dirigent Sigmund Bothmann. Oftmals mit großer Geste hielt er den Gesamtklangkörper zusammen: kurzfristige Vokalistenentgleisungen hatte er schnell wieder im Griff. Seine Führung ermunterte alle Interpreten zu noch mehr gestalterischer Sorgfalt, zu noch homogener ausgestalteten Spannungsbögen. Gerade den vokal-instrumentalen Duetten oder Terzetten verhalf er so zur vollkommenen Kongruenz.

Eine bewegende Passionsdarstellung voller Ästhetik – spätestens nach diesem Erlebnis ist der Kinobesuch der »Leiden Christi« wohl endgültig überflüssig.

---