29.06.2004, Neue Westfälische

Erfolgreiche Fortsetzung

2. Chor- und Orgelnacht in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh (er). Nach gut einem halben Jahr traut sich Sigmund Bothmann eine 2.Orgel- und Chornacht zu, nicht ganz so umfangreich zwar wie Ende November 2003 und auch nur an einem Ort (in der Lutherkirche), aber gleichwohl: mutig, mutig. Und es gibt tatsächlich eine »Fan«-Gemeinde, die sich anlocken lässt und größtenteils auch durchhält.

Im Mittelpunkt des Abends, moderiert durch den Meister selbst, standen die sechs Orgelsonaten Mendelssohns, die sich Bothmann und sein Memminger Freund Christian Weiherer teilten; die Chorpartien des Bachchores und Solo-Arien von Bettina Pieck und Christopher Jung dienten da eher als Abwechslung, um nicht zu sagen: „Erholung".
Wann und wo bekommt man an einem Abend sämtliche sechs Orgelsonaten von Mendelssohn zu hören? Nur in der Gesamtheit des Werkes kann man nachvollziehen, wie Mendelssohn, basierend auf Bach ( fast stilgetreu in einigen Fugen aber auch etwa im Arioso der II. Sonate, die an langsame Sätze der Bachschen Triosonaten erinnert), sämtliche musikalische Ausdrucksmöglichkeiten genialisch durchdekliniert: von pompöser Pracht, majestätischer Erhabenheit über oratorienhafte Dramaturgie (mit Rezitativ), volksliedhafte Schlichtheit bis zu lyrischer Innerlichkeit.

Bei allem lässt Mendelssohn nicht vergessen, dass er ein geistliches Werk schreiben wollte: in der VI. Sonate ist der Choral „Vater unserer im Himmelreich" Variationsthema, aber auch in anderen Sonaten tauchen choralartige Homophonien auf, als ziehe im Hintergrund ein Pilgerzug vorbei, oder erscheint plötzlich, unter eine Fuge gesetzt, der Choral „Aus tiefer Not" im Pedal. Mendelssohns Orgelwerke sind sicher religiös, aber nicht so wie bei Bach, der sich mit der Musik ganz in den Dienst stellt, sondern als Werke eines Mannes, der seine Faszination von Musik demonstriert und sozusagen dadurch die Herrlichkeit Gottes erkennbar macht. Zu der Interpretation der beiden Organisten kann man nur sagen: sie spielten voller Enthusiasmus und Werkgenauigkeit, einfach phantastisch. Die Registrierung war sehr kontrastreich, besonders mit dem Oberwerk, über Tempi und Agogik ließ sich manchmal streiten. Höhepunkt zum Schluss war die IV.Sonate, extrem virtuos und mit einer Fuge verrauschend, die an Kompliziertheit kaum zu überbieten und - auch durch die Fülle der Zungenregister - den Zuhörer enorm forderte, um Details wahrzunehmen. Wie Siegmund Bothmann dieses Werk mit der größten Selbstverständlichkeit hinlegte, war schon phänomenal.

Gegen eine solche überwältigende Präsentation bemühte sich der Bachchor, ebenso eigene Akzente zu setzen. Bei den drei Psalmenmotetten wollte man, das war zu spüren, unbedingt
die dem Werk nachgesagte Sentimentalität vermeiden und versuchte es mit expressiver Eindringlichkeit. Das responsorienartig aufgebaute Wechselspiel von Frauen, Männern oder Soli mit dem Gesamtchor akzentuierte die innere Dramatik der Texte eher durch Dynamik als durch romantischen Wohlklang , fast nach Art eines Opernchores. Bettina Pieck, die zwei Arien aus dem „Elias" vortrug, natürlich mit Orgel- statt Orchesterbegleitung, verband beides: sie kann mit einem unglaublichen Volumen die Kirche füllen und trotzdem einen wunderschönen Altton entfalten: ein Genuss. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass auch der Bassist Christopher Jung, der außer Mendelssohn noch drei Lieder von Bach vortrug, mit seinem runden Ton in allen Tonlagen zu gefallen wusste. Insgesamt ein sehr gewinnbringender Abend.

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