29.06.2004, Neue Westfälische

Insel der Besinnlichkeit

Bachchor zelebrierte Monteverdis Marienvesper

Gütersloh. Seit Claudio Monteverdi Anno 1610 dem Papst sein „Vespro della Beata Virgine" überreichte, stellt das frühbarocke Meisterwerk eine Herausforderung für die chorische Flexibilität dar: zur Realisierung seiner Klangvorstellungen legte der Komponist den Chor sechs-, sieben-, achtstimmig oder auch mal im drei- bis fünfstimmigen Doppelchor an. Der Bachchor meisterte am Sonntag Abend diese Herausforderung mit Bravour und bestach durchgehend in homogener, schwereloser Fülle, exakter dynamischer Austarierung, klarer Sauberkeit und deutlicher Aussprache.

Nur der Blick ins Programmheft und die häufigen Umgruppierungen der Sänger zeugten von den hohen Hürden der Partitur: Exzellent vorbereitet verströmten die Sänger in allen Chören eine Aura ruhiger Sicherheit und schufen unter der Leitung von Sigmund Bothmann in der bis zur Empore hinauf vollbesetzten Martin-Luther-Kirche eine Insel der Besinnlichkeit, die das fröhliche Treiben des Weihnachtsmarktes vor den Kirchentoren in weite Ferne rücken ließ.

Das siebenköpfigen Solistenensemble - je zwei Soprane, Tenöre und Bässe sowie ein Altus - erfreute mit durchweg schlanken, präzisen und natürlichen Stimmen, glänzte in perfekter klanglicher, rhythmischer und dynamischer Harmonie in den vom Komponisten geforderten Duetten bis Sextetten in vielfach wechselnden, selten gehörten Besetzungen.

Selbst der kurzfristig für den erkrankten Mark Auer eingesprungene Tenor Jörg Heinemann fügte sich lückenlos ins sorgfältig zusammengestellte klangliche Gesamtarrangement und verriet allenfalls durch einige leicht meckernde Koloraturen, dass ihm sein umfangreicher Part noch am Samstagmorgen völlig unbekannt gewesen war. Einer der zahlreichen solistischen Höhepunkte war zweifellos das Sopransolo „Sancta Maria", das drei Sängerinnen aus den Reihen des Chores im perfekten Unisono gekonnt vortrugen-

Ein wichtiger Baustein für dieses frühbarocke Klangerlebnis war natürlich das Bachorchester Gütersloh. Michael Freimuth prägte mit seiner Chitarrone, einer Laute mit mannshohem Griffbrett, die ungewohnte Silhouette des Orchesters und versah den Generalbass mit leicht iberisch anmutenden, gitarrenähnlichen Klängen. Aber auch die Cornette im Blech und die Blockflöten sowie das Dulzian, ein Fagottvorläufer, im Holz unterstrichen die mittelalterliche Aura des Ensembles. Schön, dass diese seltenen Instrumente nicht nur der Optik wegen dabei waren, sondern souverän zum Klingen gebracht wurden und sich mit Streichern, Posaunen, Cembalo und Orgel zu einem sorgfältig abgeschmeckten, vitalen Ganzen vereinigten.

Der frisch ernannte Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann forderte mit feurigem, expressivem Dirigat maximalen Ausdruck in optimaler Kongruenz von allen Akteuren und vereinigte die Musiker zu einem überaus hörenswerten, durchgehend stimmigen Klangkörper, für den das begeisterte Publikum mit minutenlangen stehenden Ovationen dankte.

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