02.04.2002, Neue Westfälische

Kundig und herzerfüllt

Bachchor singt Johannes-Passion

Gütersloh. Es gibt im Zuge der historischen Aufführungspraxis das Bemühen, die Musik aus der Zeit der Renaissance und des Barocks unter rhetorischen Gesichtspunkten, als vom Sprechakt abgeleitet zu interpretieren. Dieser beredte Duktus verleiht der Musik oftmals eine geradezu theatralische Dramatik. Wer am verganenen Mittwoch auf Arte die Übertragung der Bachschen Johannes-Passion mit Simon Rattle und den Berliner Philharinonikern gesehen hat, konnte dort allerdings trotz einer musikalisch hochkarätigen, frenetisch gefeierten Aufführung eine gewisse Glätte nicht überhören. Die Brillianz der Ausführung deckte sich in Berlin nicht ganz mit den Inhalten. Dankbar musste deshalb der heimische Hörer über die ausgewogene Interpretation der Johannes-Passion durch den Gütersloher Bachchor und das Bachorchester unter Sigmund Bothmann sein.

In der gut besuchten, allerdings nicht ausverkauften Aufführung in der Martin-Luther-Kirche am Karfreitag entwickelte Bothmann die musikalische Dramatik folgerichtig aus den inhaltlichen Zusammenhängen, Ausführung und Botschaft bedingten einander. Vor allem die beiden Ensembles sicherten dieser Passion ihren hohen Rang zu.

Der Chor erwies sich vom großen Einleitungschor an seiner gewaltigen Aufgabe bravourös gewachsen. Hieb- und stichfest gerieten die Turbae, ohne je in äußerliche Effekthascherei zu verfallen. Vielleicht noch ohrenfälliger offenbarte sich die chorische Meisterschaft in den Chorälen, die ihrem jeweiligen Charakter gemäß individuelle Zeichnung und Farbgebung erfuhren. Bei aller genauen Deklamation vergaß Sigmund Bothmann nicht die große musikalische Linie, den Atem der Musik, was diesen Chorälen eben auch die Glaubwürdigkeit als Stellvertreter der Gemeinde sicherte. Eine nicht nur hochgradig kundige, sondern auch herzerfüllte Interpretation.

Leider waren die Musiker des Bachorchesters nicht namentlich im attraktiv gestalteten Programmheft aufgeführt, da sie nicht weniger als die Gesangssolisten zum großartigen Gelingen des Konzertes beitrugen. So die fabelhafte Flötistin, die dem schlanken und doch ausdrucksstarken Sopran von Hlin Petursdottier in ihrer Arie "Ich folge dir gleichsam mit freudigen Schritten" die eilende Bewegung vorgab. Wunderbar auch das Zusammenspiel der Oboen bei der Alt-Arie "Von den Stricken meiner Sünden", der Mechthild Georgs ausgewogene Stimme mehr verklärte Emotion beimischen konnte, als vergleichsweise der maniriert singende Altist Michael Chance in der Berliner Aufführung. Für die Tenor-Arien hatte Bothmann Henning-Arft Klocke gewinnen können, der vielleicht über keine große, aber sehr schöne und tragende Stimme verfügt und sehr sensibel gestaltete. Gleich zwei prächtige Bässe gaben dieser Aufführung eine besondere Note. Während Hans Griepentrogs profunde Stimme der Partie des Jesus eine würdige Noblesse verlieh, bildete Markus Krauses viriler Bass einen agilen Kontrapunkt in der Pilatus-Darstellung. Kleiner Schwachpunkt am Karfreitag war Erwin Feith, der vielleicht als lyrischer Tenor über eine schöne Legato-Kultur verfügt, der aber in der affektenreichen Deklamation des Evangelisten nicht die nötige unangestrengte Höhe besaß und auch mehrmals mit dem Continuo aneinander geriet. Auch die Entscheidung Sigmund Bothmanns, ein Cembalo als Continuo-Instrument statt des üblichen (und auch schöner klingenden) Orgel-Positivs zu verwenden, verwunderte.

Der großartigen Geschlossenheit und dem innigen Ernst der Gesamtdarstellung taten diese Einwände allerdings keinen Abbruch. Eine Minute andächtiges Schweigen waren angemessene Reaktion, bevor ein Zuschauer im Alleingang mutwillig die meditative Atmosphäre zerstörte.

Matthias Gans

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