24.10.2002, Neue Westfälische

Grandiose Klanginszenierung

Bachchor sang Schütz und Bach im Weihnachtskonzert

Gütersloh (gs). 1613 kam der 24-jährige Heinrich Schütz als Schüler Giovanni Gabrielis nach Venedig. Dort hatte er nicht nur den berühmten Komponisten zum Vorbild, sondern auch sechs Jahre später bei derVertonung der »Psalmen Davids« op.2, die Raumakustik des Markus-Doms. Die zwei gegenüber liegenden Orgelemporen von San Marco animierten Gabrieli und dann auch Schütz zu frappierend vielgestaltig konzipierten Raumklang- kompositionen.

Und diese lassen sich auch in Gütersloh angemessen darstellen. Nicht nur, weil die Martin- Luther-Kirche über reichlich Platz auf der Empore verfügt, sondern mit dem Bachchor auch über ein Ensemble, das dem gesteigerten Anspruch dieser Kompositionen wie kaum ein anderer Klangkörper dieser Region genügt.

Noch heute, fast 400 Jahre nach ihrer Entstehung, wird selbst der musikgesättigte Hörer überwältigt von der außerordentlichen Klangfülle dieser Psalmvertonungen. Vor allem dann, wenn Schützens Experimentierlust mit mehreren verschiedenartig besetzten Chören so differenziert ausgeführt wird wie es der um das Vokalensemble Sigmund Bothmann ergänzte Bachchor Gütersloh und ein farbig besetztes Instrumentalensemble mustergültig darstellten.

Kantor Sigmund Bothmann ließ seine Chöre, je nach wechselnder Besetzungsstärke, von Orten des Kirchenraums singen, Analog dazu setzte er das Gambenensemble die drei Posaunen und die Continuospieler an Laute und Orgel den Erfordernissen der Musik entsprechend ein. Dies übrigens auch bei den zwei ausgewählten Schütz-Motetten aus der »Geistlichen Chormusik l648«, die nicht zwingend instrumentale Begleitung vorschreiben.

So konnte sich das vielchörige Wechselspiel, zwischen kleinen und großen, zwischen mit hohen oder tiefen Stimmen besetzten, zwischen echoartig aufeinander reagierende oder motettisch verzahnten Chören in immer anderen Farben und neuen Effekten erklingen. Eine schlichtweg grandiose Klanginszenierung.

Trotz der dauernden Anforderungen an die vier Dutzend Sängerinnen und Sänger blieb noch genügend Atem für Johann Sebastian Bachs doppelchörige Motette »Singet dem Herrn«. Auch hier beeindruckten Klangfülle, präzise Stimmführung und emphatischer Ausdruck bis zur triumphal herausgearbeiteten Schlussfuge.

Es bedurfte erst der traditionellen Zugabe, dem wunderbar dezent gesungenen »Es ist ein Ros entsprungen«, um den Enthusiasmus der Zuhörer in der nahezu ausverkauften Kirche in die ruhigen Bahnen weihnachtlicher Besinnlichkeit zu lenken.

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