03.04.2001

Sprödes Werk dramatisch belebt

Passionskonzert des Bachchores Gütersloh in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh. Bei allem Respekt vor der Erweiterung des konventionellen Repertoires muss man sich fragen, ob die Aufführung eines Werkes wie der Matthäus-Passion von Michael Vulpius (1570-1615), die in besonderem Maße von der Evangelistenerzählung geprägt ist, nicht doch besser in einem Gottesdienst aufgehoben ist als bei einem Konzert des Gütersloher Bachchores.

Zu gering sind bei dieser etwa 40-minütigen Passion die Gelegenheiten chorischer Entfaltung, zu sehr ist das Werk auf die feierliche, gleichwohl wenig abwechslungsreiche Intensivierung des Evangelistenwortes angelegt, als dass eine Aufführung dem Konzertbesucher aus musikalischen Gründen frommen und nützen könnte.

Gleichwohl nahm sich der Bachchor unter Leitung von Sigmund Bothmann dieser spröden Arbeit mit großer Sorgfalt und Sinn für dramatische Belebung in den Turbae an. Vor allem aber haben sich die Solisten, Joachim Thalmann (Bariton), der mit sicher Kopfstimme den umfangreichen Evangelistentext sang, sowie Michael Hoffmann (Bass) als Jesus, ein dickes Lob für ihre schwierige Arbeit verdient, dem Werk in Stil und inhaltlicher Vermittelung in gleichen Maßen gerecht zu werden, unterstützt von einigen guten bis erstklassigen Soliloquenten aus dem Chor.

Um wie vieles dankbarer hörten sich die rahmenden Werke dieser Passion an. In bewundernswerter motettischer Klarheit eröffnete ,,Schenke uns, Herr'~ von Carl Theodor Hütterott das trotz frühlingshafter Temperaturen gut besuchte Konzert in der Martin-Luther-Kirche.

Begeisterte hier die kontrapunktische Wendigkeit des Chores, so bezwang die Interpretation des ,,Agnus Dei" op. 138 von Max Reger ebenso wie Anton Bruckners Graduale ,,Christus factus est" durch ihre homophone Durchsichtigkeit, einer raunenden piano-Qualität und einer schier atemberaubenden, dynamischen Steigerungsfähigkeit.

Auf diesem kompositionstechnischem Niveau konnte sich der ,,Corpus Christi Carol" des Norweger Trond Kverno, geboren 1945 nicht halten. Dennoch bietet dieses kurze Stück dem Chor im Wechsel mit einem Quartett und einer Solo-Sopranistin dankbare Aufgaben, vom Bachchor erwartungsgemäß in souveräner Weise gelöst.

Um die Continuo-Gruppe mit Nicola Heinrich (Violoncello), Heiko Herrmann (Kontrabass) und Gerhard Graf(Orgelpositiv) erweitert, bildete Johann Sebastian Bachs auch vom Gütersloher Bachchor immer wieder ins Programm genommene, populärste Motette ,,Jesu, meine Freude" BWV 227 den Abschluss den Programms. Das zügige Tempo des Chorals ließ ebenso wie die mit dramatischem Impetus genommenen motettischen Passagen den eher extrovertierten Interpretationsansatz von Sigmund Bothmann erkennen.

Geteilt in seiner Reaktion das Publikum, das teils Beifall zollte, teils mit angemessenerem Schweigen seinen Respekt vor Anlass und Interpretation bekundete.

Matthias Gans

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