03.10.2001, Westfalenblatt

Das Geheimnis der Demut

»Passio« von Arvo Pärt

Gütersloh (WB). Welch ein Ausdruck von Religiosität und tiefen Glaubens des Menschen Arvo Pärt. Im Wechselspiel zwischen Altarraum und Orgelempore entstand ein leuchtendes Bild seiner Frömmigkeit: In der Martin-Luther-Kirche erklang am Sonntag seine 1980 geschaffene »Passio« - die Leidensgeschichte nach Johannes für Chor, Solostimmen, Orgel und Instrumente des estnischen Künstlers, der nach mehrjährigen Erprobungen in avantgardistischen Kompositionstechniken seine Lebensaufgabe erreicht hat. Für ihn ist die »Passio« das Geheimnis der Demut, das den Zuhörer aus der Passivität zur Begegnung mit dem Drama Christi führen soll.

Arvo Pärt, dessen »Fratres« wir vor fünf Jahren hörten, fand einen neu-tonalen Stil ohne Dissonanzen, als er die kirchenlateinischen Texte dieser Passion »syllabisch« vertonte: er ordnete jeder Silbe der Worte eine Note zu. Dadurch entstand ein wunderschön klares Gefüge mit zuweilen sphärischen Klängen, die die Zuhörer im Kirchenschiff tief bewegten. Hervorragende Mitwirkende setzten der Aufführung die Krone auf.

So das berühmte Londoner Hilliard Ensemble, eine der weltbesten Gruppen und auf vielen Podien und Festivals der Welt gefeiert. Es ist bekannt durch die enge Verbindung mit der Musik des estnischen Komponisten. Für ihre Tournee 2001 »Arvo Pärt in NRW«, die die britischen Künstler mit 55 Konzerten in zwanzig Städte des Landes führt, wurden drei Programme erarbeitet. In Gütersloh bestritten neben ihnen der heimische Bachchor und der schwedische »Krystine Kyrkokör« aus der Patenstadt Falun einen zentralen Punkt des Geschehens, das in Kantor Sigmund Bothmann einen überragenden Dirigenten fand. Er festigte mit immenser Konzentration die engen Kontakte zwischen der Orgelempore mit den Sängern des Jesus (Brian Bannatyne-Scott, Bass) und Pilatus (John Potter, Tenor) sowie den beiden gemischten Chören hin zum Altarraum mit den vier Hilliard-Evangelisten Mary Seers (Sopran), David James (Countertenor), Steven Harold (Tenor) und Gordon Jones (Bass) sowie der Instrumentalgruppe voller Präzision und Dynamik, in der keine Feinheit verborgen blieb. Eine hohe Ehre für unseren bewährten Kantor und seinen Bachchor!

Machtvoller Gesang der Chöre und Orgelbrausen bildeten den Prolog zu diesem Musikfest, das in Folge in ruhigeren Bahnen verlief:

Die Chöre fein abgestuft, die Gesangssolisten voller Klarheit, beide mit riesigem Pensum, präzise die Instrumentalisten und die Orgel (Christopher Bowers-Broadbent), die die Gesänge nur noch mit leichtem Ton homophon verband. Das alles in einem einmalig-tiefgründigen Fluidum, das die Martin-Luther-Kirche zum imaginären Dom werden ließ. Es dauerte Sekunden, ehe sich die tief bewegten Zuhörer aus ihrem Bann lösten und mit tosendem und stehendem Beifall für dieses musikalische Glaubensbekenntnis ersten Ranges bedankten.

Karl Heinz Spreyer

---