02.10.2001, Neue Westfälische

Musikalisches Gebet

Arvo Pärts »Passio« mit Hilliard Ensemble, Bachchor und Kristine Kyrkokör

Gütersloh. Vollendete Gesangskultur und ein an der Grenze zum Exerzitium sich bewegendes Werk erlebten die Zuhörer am Sonntagabend im Arvo-Pärt-Konzert in der Martin-Luther-Kirche: Das weltberühmte Hilliard-Vokalensemble, der Bachchor Gütersloh und der Kristine Kyrkokör aus der schwedischen Partnerstadt Falun führten unter Leitung von Sigmund Bothmann Pärts »Passio« auf, eine archaisch strenge Vertonung der Leidens-geschichte Jesu nach dem Johannes-Evangelium.

Die Passionserzählung im christlichen Gottesdienst ist im Laufe der Geschichte verschiedenartig mit Klängen verbunden, in Klang übersetzt worden. Ärvo Pärts 1982 vollendete Johannes-Passion schlägt stilistisch eine Brücke vom getragenen, homophonen gregorianischen Choralgesang zum Minimalismus des 20. Jahrhunderts. Mit den oratorischen Passionen Bachs und ihrer vergleichsweisen Opulenz der musikalischen Formen und Mittel hat das innige 75-minütiges Tongebet des estnischen Komponisten wenig bis gar nichts gemein. So dramatisch das in lateinischer Sprache berichtete Geschehen von der Gefangennahme und Kreuzigung Jesu Christi sein mag -Arvo Pärt erzeugt in seiner ,,Passio" Ergriffenheit ohne illustrative Effekte, allein durch minimale Verschiebungen innerhalb der relativ starren und schlichten, bisweilen sanft dissonanten Klangmuster, die er den Akteuren zugeordnet hat.

Wer sich auf den spirituellmeditativen Aspekt dieser Musik, ihr Klima der angespannten und Ruhe und auch ihre erheblichen Ansprüche an die Konzentrationsfähigkeit nicht einlassen mochte, wird sie als eintönig, gleichförmig, gar als akustische Zumutung empfunden haben. Vermochte man jedoch Hetze und Ungeduld vor der Kirchenpforte zurück zu lassen und unvoreingenommen genau hinzuhören, dann musste man wahrnehmen, wie unwiderstehlich sich hier das Fromme und kunstvolle Einfachheit verbinden und eine unterschwellige, deshalb umso wirkungsvollere musikalische Kraft entwickeln.

Dieser Eindruck ist zu einem nicht geringen Teil der großen Vokalkunst der vier Soliloquenten und der zwei ebenfalls von den Hilliards gestellten Tenor-und Bass-Solisten zu danken. Wie es um Arvo Pärts fragilen Zauber der artifiziellen Schlichtheit bestellt wäre, wenn er in den Händen weniger berufener Ensembles läge - das Publikum des Konzerts am Sonntag brauchte es nicht zu kümmern, denn beim Hilliard Ensemble ist Pärts Werk bekanntermaßen bestens aufgehoben.

Fabelhaft präzises Zusammensingen, genaueste Intonation, runde, ausgewogene, souverän geführte Stimmen, die auch im piano noch frappierend mühelos tragen: Das Evangelisten-Quartett mit Mary Seers (Sopran), David James (Countertenor), Steven Harold (Tenor) und Gordon Jones (Bäss) ließ keine yokalen Wünsche offen. Den unendlichen Strom ihres Wohlklangs - vor allem Countertenor David James bleibt nachdrücklich in Erinnerung -begleiteten und kommentierten Eilis Cranitch (Violine) Andrew Knights (Oboe), Garetz Newirian (Fagott) und Sophie Harns (Violoncello) mit atmendem und beseeltem Spiel. Brian Bannatyne-Scotts profunder Bass verlieh dem Jesus-Part unerschütterliche prophetischeWürde. Tenor John Potter gestaltete den Zwiespalt des Pilatus mit dezenter, von bangem Fragen bis resigniertem Trotz. reichender vokaler Ausdruckvielfalt. Bachchor und Kristine Kyrkokör, auf der Orgelempore postiert, sangen die vierstimmigen Turbae, besonders den erlösenden Dur-Schluss, mit leuchtender Strahlkraft. Christopher Bowers-Broadbent legte an der Orgel den bebenden Klanggrund. Langer, begeisterter Beifall.

Einziger Wermutstropfen: Der lateinische Passionstext und seine Übersetzung konnten nirgends mitgelesen werden. ,,Die Wörter schreiben die Musik", hat Pärt nicht umsonst seine penibel von Silben und Betonungen abgeleitete Kompositionsweise beschrieben. Leider fand sich für die Worte, die ihn zu seiner faszinierenden ,,Passio" inspirierten, im ansonsten üppigen Programmheft kein Platz.

Thomas Klingebiel

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