27.12.2001, Die Glocke

Chorsätze mit sicherem Stilempfinden interpretiert


Gütersloh. Die Abwechslung macht's: Im vergangenen Jahr füllte der Bachchor mit Bachs ,,Weihnachts-Oratorium" die Martin-Luther-Kirche. Am Sonntag war es ein Programm, das nicht ganz so umfangreiche, gleichwohl anspruchsvolle und durchaus kontrastreiche Chorsätze von Michael Praetorius bis Gerhard Weinberger beinhaltete.

Kantor Sigmund Bothmann dirigierte dabei nicht nur den Bachchor, sondern auch die Choralsingschule Gütersloh, die erst kürzlich mit einer Britten-CD aufhorchen ließ.

Britten war denn auch mit ,,A Hymn to the Virgin" vertreten, einer trotz zweier vierstimmiger Chöre klanglich sehr luziden Musik, die ihre Wirkung aus dem Echo-Effekt bezieht, das der zweite Chor von der Seitenempore aus singt. Auch in Praetorius' berühmtem ,,Quempas"' wurde mit verteilten Solisten, exzellenten Stimmen aus den Reihen der Choralsingschule, der gesamte Kirchenraum mit einbezogen. Großes Lob haben sich auch die zwei Sängerinnen der Choralsingschule, Nele Jungekruger ("Von der Geburt Jesu Christi" aus Bachs "Schemmelis Gesangbuch") und Lea Martensmeier (Anonymus: "Ihr Hirten erwacht") verdient, die, von Sigmund Bothmann am Orgelpositiv begleitet, überaus sicher und souverän agierten. Weniger bekannt als "Quempas" von Praetorius ist der von Carl Loewe. Ein Hirtengesang, der sich, idiomatisch stimmig, in breitem Ländler-Rhythmus bewegt.

Das machte ohnehin die große Ausstrahlungskraft dieses Weihnachtskonzertes aus: der beständige Wechsel zwischen kunstvollem Chorsatz, wie er sich etwa in Max Regers subtil interpretiertem vier- bis sechsstimmigen "Unser lieben Frau im Traum" findet, und musikalischer Volksfrömmigkeit, wie sie etwa in den "Quempas"-Chören oder auch in "0 Bethlehem, du kleine Stadt" des Detmolder Orgelprofessors Gerhard Weinberger zum Ausdruck kommt. Sigmund Bothmann, der schon 1982 die Uraufführung des Satzes bei den Regensburger Domspatzen sang, vermeidet in seiner zurückhaltenden Interpretation jeden Anflug von Sentimentalität.

Denn nicht nur vokale Virtuosität macht die Klasse eines Chores aus, sondern auch die Fähigkeit, gefährdete Musik vom glatten Parkett des Kitsches auf den sicheren Boden des Stilempfindens zu stellen. Denn nur so lassen sich Stücke wie Peter Cornelius' "Drei Kön'ge wandern aus Morgenland" genießen, in dem Bettina Piecks herrliche Altstimme von dem Chor gleichsam auf Daunen gebettet wurde.

Matthias Gans

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