20.12.2000, Neue Westfälische

Gütersloher Bachchor und -orchester führten "Weihnachtsoratorium" auf

Kraftakt glänzend gemeistert

Gütersloh. Sicherlich lässt sich die kritische Frage stellen, ob wirklich alle sechs Kantaten des "Weihnachtsoratoriums" an einem Abend aufgeführt werden müssen. Stellt doch die Gesamtspielzeit von drei Stunden nicht nur höchste Anforderungen an die Ausübenden, sondern auch an die Geduld der still auf harten Kirchenbänken ausharrenden Hörer.

Doch brachte die Gesamtdarstellung am Sonntag in der ausverkauften Martin-Luther-Kirche durch den Bachchor und das Bachorchester unter der Leitung von Kantor Sigmund Bothmann auch einmal jene drei so häufig vernachlässigten letzten Kantaten zu Gehör. In dieser Form wurde die Großartigkeit der Bachschen Konzeption en detail wie in der Gesamtanlage ersichtlich.

Von der Geburt Jesu über die Nacht auf dem Felde, die Ankunft der Hirten, die Beschneidung, bis zur Huldigung durch die Weisen und dem Zorn des Herodes handelt das 1734 komponierte Werk. Diese "Handlung" lässt Bachs dramatisches Gespür bei der Abfolge von vorwärtstreibendem Evangelistenbericht, meditativen Einschüben des christlichen Individuums (Soloarien) und der Gemeinde (Choral) und dem repräsentativen musikalischen Lobpreis der virtuosen Chorsätze erkennen.

Mit dem hervorragend vorbereiteten, vierzigköpfigen Bachchor und dem tadellos und höchst animiert spielenden Bachorchester (in historischer Aufführungspraxis) konnte Sigmund Bothmann seine Vorstellungen eines schlanken Klangbildes, vokal wie instrumental, in perfekter Verzahnung beider Ensembles verwirklichen.

Der Chor klang ausgeglichen, rhvthmisch gleichermaßen präzise und gespannt. Polyphone Passagen wie ,,Ehre sei Gott in der Höhe" wurden mit großer Beweglichkeit ausgeführt. Selbst dem allzu rasch und forciert genommenen Schlusschor war man atemberaubend sicher gewachsen.

Sehr beeindruckend die Interpretation der Choräle, die vom imposant auftrumpfendem ,,Brich an du schönes Morgenlicht" bis zum wunderschön zurückhaltend inszenierten ,,Ich steh an deiner Krippe hier" eine außergewöhnliche Ausdrucksbreite bereit hielten.

Das fabelhafte Bachorchester wusste an jedem Pult zu glänzen. Beispielhaft sei hier nur Rupprecht Drees als Solist des exzellenten Trompetenregisters erwähnt, der mit seinem perfekten Spiel dem Abend ein instrumentales Glanzlicht aufsetzte.

Die Gesangssolisten konnten allerdings nicht völlig zufrieden stellen. Lothar Odinius' klang-schöner Tenor war in den Höhen zuweilen recht unsicher. Ein Manko, das Odinius aber dank überlegener Gestaltungskraft und virtuosem Gesang in ,,Ich will nur dir zu Ehren leben" wettmachen konnte.

Georg Zeppenfeld erstaunte abermals durch seinen profunden, mächtig klingenden Bass, getrübt allerdings durch ein etwas grobkörniges Timbre. Unbeteiligt ließ, trotz schöner Einzelmomente (etwa der Echo-Arie) Kristina Vahrenkamps schlanker, aber zu neutral klingender Sopran. Und auch Yvi Jänickes herzerwärmender Alt bedurfte einiger Anlaufzeit, um in der großen Arie ,,Schließe mein Herz" mit der Solovioline von Margarete Adorf berühren zu können.

Lang anhaltende Ovationen, stürmische Bravi für den Chor.

Matthias Gans

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