19.12.2000, Westfalenblatt

Bachs Jubelgesang intoniert

Umjubelte Wiederaufführung in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh (WB). Als neuer Leiter des Gütersloher Bachchores hatte Kantor Sigmund Bothmann Anfang Dezember 1992 das Wagnis unternommen, alle sechs Teile von Johann Sebastian Bachs »Weihnachts-Oratorium« an einem Tag in der Martin-Luther-Kirche aufzuführen. In den drei Monaten zuvor hatte er mit eisernem Fleiß und einem begeistert mitgehenden Chor das gigantische und populäre Werk in ungezählten Proben heranreifen lassen und fand damit ein herausragendes Debüt. Jetzt, neun Jahre danach, feierten Bothmann und sein vielseitiger Chor abseits vom kommerziellen Rummel unserer Tage mit der Wiederaufführung einen glänzenden Triumph.

Die Kirche vermochte die vielen Zuhörer kaum zu fassen, die schon vor Wochen die Karten erstanden hatten und eine wahre Sternstunde miterlebten. Bachs schöpferische Kraft und sein Geist illustrierten das Leben Jesu von der Geburt im Stall zu Bethlehem bis zur Anbetung durch die drei Weisen aus dem Morgenland. Das Werk ist kein Oratorium im eigentlichen Sinne, sondern eine Zusammenfassung von bereits vorhandenen kirchlichen und weltlichen Kantaten, die durch Arien, Berichte des Evangelisten und Rezitative verbunden sind. Schon der Auftakt mit dem berühmten Paukensolo und dem strahlenden Jubelgesang »Jauchzet, frohlocket« führte die Zuhörer in ein dramatisches, aber auch inniges Geschehen: Der vielstimmige Lobgesang der Chöre, vier bravouröse Solisten und das Orchester mit feingliedriger Instrumentation hielten sie in Atem.

Ein Glanzlicht folgt' dem anderen: Sanft und abgeklärt der Chor »Wie soll ich dich empfangen«, die wundersame Hirtenmusik mit schwebendem Schalmeienklang, das Sopran-Rezitativ »Fürchtet euch nicht«, die Alt-Arie »Schlafe mein Liebster«, eines der zartesten Wiegenlieder überhaupt, der Chor »Ehre sei Gott in der Höhe« mit jubilierenden Stimmen, und das hymnische »Wir singen dir in deinem Heer« sind markante Beispiele wie auch der Choral »Seid froh« und Fanfaren-Trompeten-Geschmetter, die Sopran-Arie mit Echo »Flößt, mein Heiland«, das Duett des Bassisten mit den Chor-Sopranen, und die Tenor-Arie ,,Ich will nur dir zu Ehren leben" und die Solo-Violine von Margarete Adorf. Auch der poesievolle Chor »Ich steh' an deiner Krippen hier«, das Solisten-Quartett »Nun mögt ihr die stolzen Feinde schrecken« und das Finale mit dem Bekenntnis »Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht« sind unvergänglich.

Bei der Auswahl der Solisten gelang Sigmund Bothmann wieder ein Glücksgriff: Glockenrein und mühelos strahlend bis in die höchsten Lagen Kristina Vahrenkamp (Sopran), hochmotiviert die Altistin Yvi Jänicke, der brillante Tenor und Evangelist Lothar Odinius bis zur Altus-Höhe und der sonore, tiefschürfende Baß von Georg Zeppenfeld. Der Chor überzeugte durch bekannt hohe Stimmkultur und frische Einsatzfreude - ein Erfolg ausdauernder Proben! Das Bachorchester mit sauberen, delikaten Bläsern, vorzüglichen Streichern und feinem Continuo-Ton war in allen Gruppen astrein abgestimmt. Über allem wirkte der stets mitreissend suggestive und fordernde Sigmund Bothmann mit unermüdlicher Kraft, dem Solisten, Chor und Orchester auf den kleinsten Wink folgten. Die Zuhörer waren schier aus dem Häuschen: Es gab einen Riesenjubel mit Wogen der Begeisterung, stehendem Applaus und anerkennenden Pfiffen!

Karl Heinz Spreyer

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