04.01.2000, Neue Westfälische

Auf beneidenswert hohem Niveau

Bachchor und -orchester im 5. Meisterkonzert

Gütersloh. Die Symbolkraft dieser beiden Aufführungen von Bachs h-Moll-Messe durch den Gütersloher Bachchor und dem Bachorchester ist nicht zu unterschätzen: Wurde doch zweimal in der jeweils nahezu ausverkauften Martin-Luther-Kirche beeindruckend demonstriert, auf welch beneidenswertem Niveau kirchenmusikalische Arbeit in Gütersloh stattfindet.

Andererseits ist auch die Anerkennung der musikinteressierten Öffentlichkeit sichtbar geworden, die an diesem symbolträchtigen Datum - und zu Beginn des Bach-Jahres- nicht die Auseinandersetzung mit dem größten, aber auch schwierigsten Werk der geistlichen Musik scheute. Dass das städtische Kulturamt die Arbeit des Bachchores zu schätzen und seine Leistungen einzuschätzen weiß, wird durch derEinbeziehung der Aufführungen in den Rahmen der Meisterkonzerte deutlich.

Sigmund Bothmann hat mit den beiden Gütersloher Ensembles dieses gewaltige, Grenzen sprengende Werk zuletzt vor drei Jahren aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Chores aufgeführt. Interessant zu beobachten, wie sich die Auffassung des Dirigenten innerhalb dieser kurzen Zeit geändert hat. Es sind zwar keine grundsätzlichen Einschnitte in Bothmanns Bach-Verständnis erkennbar. Doch offensichtlich ist seine Klangästhetik in der Chor- wie Orchesterbehandlung von der historischen Aufführungspraxis inspiriert.

Der Bachchor klingt trotz seiner Größe von über 50 Sängerinnen und Sängern wesentlich schlanker, ist damit also auch den polyphonen Anforderungen des Werkes besser gewachsen. Zudem wird verstärktes Interesse auf die Deklamation gelegt. Wie deutlich und genau etwa im ,,Cruzifixus" die Silben prononciert wurden, wo einst ein Legato Sostenuto romantisches Pathos erzeugte, ließ deutlich diesen Stilwandel spüren. Der Sinn für den dramatischen Effekt ist Sigmund Bothmann dabei allerdings nichtabhanden gekommen. Das lässt sich ebenfalls am ,,Cruziflxus" belegen, dessen dunkle Stimmung beklemmend eindringlich realisiert wurde und somit in denkbar größtem Kontrast zu dem Auferstehungsjubel des ,,Et resurrexit" steht. Mit welchem Selbstbewusstsein dieser Chor die technisch schwierigen Passagen meisterte, dabei während der zweistündigen Aufführung keinerlei Konzentrationsermüdung erkennen ließ, war beachtlich. Kleine Intonationsunsicherheiten im Tenor (,,Credo") und der teilweise etwas ,,unterbelichtete" Alt haben angesichts der imponierenden Gesamtleistung als marginale Einschränkungen zu gelten.

Bei den Solisten mussten deutlichere Abstriche gemacht werden. So war Bassist Markus Krause am ersten Abend offenbar indisponiert. Ohne ausreichendes Fundament in der Tiefe, zuweilen angestrengt in der Höhe, konnte er in der gewiss nicht einfachen ,,Quoniam tu solus altus"-Arie Mängel nicht ungehört machen. Georg Zeppenfeld sang diese Partie in der Silvester-Aufführung. Michael Höltzl spielte seinen undankbaren Horn-Part nicht ganz ohne Fehler und reihte sich damit achtbar in die Reihe erstklassiger Kollegen in der ganzen Welt ein.

Nach anfänglicher Unsicherheit fing sich auch die Sopranistin Hedvig Eriksson aus Güterslohs schwedischer Partnerstadt Falun schnell und konnte mit ihrem reinen Sopran vor allem im ,,Laudamus te" mühelos überzeugen. Tenor Lothar Odinius verfügt sicherlich über ein schönes Stimmmaterial, doch ohne leichtes Quetschen ging es im ,,Benedictus" leider nicht.

Bleibt noch die wunderbare Altistin Yvi Jänicke zu erwähnen, die zwar nicht ganz die Wärme - und wärmende Intensität - wie vor drei Jahren erreichte. Und dennoch eine bewegendes ,,Agnus Dei" in aller Schlichtheit zelebrierte, dessen demütiger Charakter vom Chor aufgegriffen und in einer bewegend-großartigen Bitte um Frieden ausklang. Nach Sekunden des Schweigens minutenlanger, zu Ovationen gesteigerter Beifall.

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