04.04.2000, Neue Westfälische

"Eindringliche Momente"

Passionskonzert mit dem Bachchor in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh. Auch ein Passionskonzert bedarf der Abwechslung. So war es eine schöne Geste des Organisten Gerhard Graf, sein Programm am Sonntag abend in der gut besuchten Martin-Luther-Kirche mit einigen Chorsätzen aufzulockern, die dem österlichen Gedanken Rechnung trugen und die vom Bachchor Gütersloh unter Sigmund Bothmann in bewährter Qualität vorgetragen wurden.

Im Ernst: Wenn ein Gastmusiker zwei Drittel eines Konzertes allein bestreitet und der gastgebende Chor sich mit gut 25 Minuten begnügt, stimmen zum einen die Verhältnisse nicht mehr. Zum anderen war die Werkauswahl Gerhard Grafs, bei aller stilistischen und spieltechnischen Sicherheit des beim Bachchor wiederholt erfolgreich aufgetretenen Organisten, ermüdend einseitig auf Musik des Frühbarocks abgestellt. Jan Pieterszoon Sweelincks Fantasie d-moll ist in seinem tiefen Ernst und klagenden Tonfall sicherlich ein Werk, das angemessen auf das Hauptwerk des Abends, der gut 15-minütigen ,,Deutschen Passion nach Johannes" von Joachim von Burck (1546-1610) einstimmte. Doch die Passion selbst mit einer Toccata Frescobaldis und Scheidts ,,Vater unser"-Choralvariationen zu interpunktieren, riss das motettisch durchkomponierte' dreiteilige Chorstück in seiner atmosphärischen Dichte schlicht auseinander.

Spätestens bei der zweiten Choralvariation nach dem Burck waren zumindest dem Rezensenten die satztechnischen Kunststücke Samuel Scheidts' die sauber gespielten Melismen und Skalen, ziemlich schnuppe. Gerhard Grafs Beherrschung von Musik und Instrument in allen Ehren, aber hier wäre die Hälfte des gespielten Orgelprogramms tatsächlich mehr gewesen.

Konzentration auf das Wesentliche allerdings zeichnete die von Sigmund Bothmann ausgewählten Stücke aus. Vor allem Joachim von Burcks 1563 entstandene Passion nach dem Johannes-Evangelium ist ein Werk, in dem sich die Musik als demütige Dienerin des Wortes versteht. Das vierstimmige Stück ist konzis und im Ausdruck gemäßigt gearbeitet. Musikalisch malende Momente, etwa die Turbae, werden knapp behandelt, wirken dadurch aber noch eindringlicher.

Nichts wäre falscher, der verhaltenen Expression der Musiksprache Joachim von Burcks ,,nachhelfen" zu wollen. Nicht Interpreten, Deuter, sondern verständige Ausführende sind hier gefragt. Und die hat die Passion in dem Bachchor und seinem Leiter gefunden. Wo die Musik bewusst nur ein beschränktes Ausdruckspotential vorgibt, gelingt es Bothmann und seinem Chor durch exzellente Wortverständlichkeit, Verbindung von hoch-präziser Umsetzung der komplexen Rhythmik mit einem fast jazzartigem Feeling für Time ohne Forcierung zu verbinden.

Nicht weniger eindrucksvoll gelangen die beiden abschließenden Chorstücke. Trotz der zeitlichen Nähe des ,,0 sacrum convivium" (1937) von Olivier Messsiaen und der Vertonung des Respensoriums der Karsamstags-Matutin ,,Tenebrae factae sunt" (1938-39), war die stilistische Unabhängigkeit der beiden großen Franzosen deutlich zu hören. Messiaens Chorstück glich harmonisch seinen frühen Orgelstücken, während Poulencs ,,Tenebrae" das beeindruckende Ergebnis einer späten Hinwendung zur Religion und eine Auseinandersetzung mit den Polyphonikern der Frührenaissance ist.

An beiden Stücken wurde erneut deutlich, dass es hierzulande kein Chor an Intonationsgenauigkeit, klanglicher Ausgewogenheit (bei 22 Frauen- gegenüber zwölf Männerstimmen) und musikalischer Sensibilität mit dem Bachchor aufnehmen kann. Wer hatte da noch Probleme mit dem Orgelprogramm?

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