16.03.1999, Neue Westfälische

Bezwingender Spannungsbogen

Bachchor Gütersloh sang Hugo Distlers Choral-Passion

Gütersloh. Hugo Distlers Choral-Passion gehört zu jenen Kunstwerken, die zu einer Deutung vor historischem und biographischen Hintergrund geradezu herausfordern. 1932 komponiert, also ein Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ist der Hörer versucht, die bevorstehende Schreckensherrschaft in dem dunklen, holzschnittartig-expressiven Charakter des Werkes vorweggenommen zu interpretieren. Tatsächlich wählte der hochsensible Komponist zehn Jahre später mit 34 Jahren den Freitod. Jehan Alain, dem ähnliche Bedeutung für die französische Orgelmusik zugeschrieben wird, wie Dist1er in Deutschland, wurde ein Opfer des Krieges; er fiel 1940 mit 29 Jahren.

Werke Distlers und Alains miteinander zu kombinieren, wie es der Gütersloher Bachchor unter Sigmund Bothmann und der Frankfurter Organist Martin Lücker im Passionskonzert am Samstag abend in der Martin-Luther-Kirche taten, ist nicht nur wegen der ähnlichen tragischen Biographie legitim. Auch in musikalischer - stilistischer wie atmosphärischer - Hinsicht ergänzten sich die sorgfältig ausgewählten, interpunktierend eingesetzten Orgelwerke mit der Choral-Passion auf frappierende Weise.

Beide Komponisten waren auf der Suche nach einer neuen Tonsprache, ohne dabei die Tradition zu negieren. Wenn Distler, zur Zeit der Komposition 24 Jahre alt und frischgebackener Organist an St. Jacobi in Lübeck, auf althergebrachte imitatorische Formen zurückgriff, dann war das kein Griff in die neobarocke Mottenkiste und wäre auch nicht unter das Schlagwort der Neuen Sachlichkeit zu subsummieren. Seine Kunst bestand darin, den vermeintlich akademisch-trockenen imitatorischen Stil zum Träger unmittelbar wirkender Expressivität zu erheben. Nahezu jeder Satz ist durchimitiert, zuweilen in höchst verdichteter Form. Homophonie wird in signifikanten, dramaturgische Höhepunkte darstellenden Situationen eingesetzt (Turbae).

Daß der Bachchor diese zuweilen explosiv aufbrechende Polyphonie exzellent meistert, ohne sich auch nur eine Spur der Blöße zu geben, ist bewundernswert genug. Trotz relativ großer Besetzung geht dem Chor nichts an geschlossener Schlagkraft verloren, selbst bei schwierigen Stellen, in denen die Dramatik geradezu in Hysterie umschlägt. Sigmund Bothmann verstand es, einen großen, bezwingenden Spannungsbogen aufzubauen, dem sich die sieben Variationen über den Choral ,,Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken" als Ruhepunkte dramaturgisch stimmig unterordnen. Auch der Forderung Distlers nach wortverständlicher Deklamation wurde der Chor in rhythmisch präziser Diktion absolut gerecht. Stefan Hinssen nahm seinen Evangelistenpart mit sachlicher Distanz wahr, wußte aber sehr wohl an passenden Stellen deutliche Akzente zu setzen. Überhaupt ist es eine Freude, diesem Sänger mit seiner überaus tragfähigen Stimme und seiner weiten Tessitura zuzuhören. Über die stimmlichen Qualitäten des Bariton Andreas Jören muß man in Gütersloh kein Wort mehr verlieren. Daß er die Rolle des Erlösers emotional differenziert aufzufächern bereit war, er also einen theatralischen Aspekt in das Werk mit seiner ,,unerbittlichen Sachlichkeit" (Distler) einbrachte, setzte ihn in spannungsvollen Kontrast zum Evangelisten.

Martin Lücker hatte, quasi als ,,Zwischenspiele", Einzelwerke Jean Alains ausgesucht, die sich dramaturgisch sinnfällig in das Passionsgeschehen einfügten. So stellte er dem Abendmahl und der Szene im Garten Gethsemane das lyrische, von hellen, weichen Flötenregistern geprägte "jardin suspendu" (Der Dachgarten) voran oder spielte vor der Geißelung das kurzmotivige, ständig variierend wiederholte Chaconne-Lamenot. Perfekt gespielte und überzeugend registrierte lyrische Zwischenbetrachtungen, die den vehementen Lapidarstil Distlers noch kerniger erscheinen ließen. Eine fesselnde und berührende Aufführung, auf die das Publikum, durch minutenlanges Schweigen und Verzicht auf Applaus nicht angemessener hätte reagieren können.

Matthias Gans

---