01.09.1999

Bedrückende Intensität

Bachchor sang anspruchsvolles Programm von Monteverdi bis Henze

Gütersloh. Stilsicherheit in der Interpretation von Musik der Renaissance ist nicht nur eine Frage der Chorgröße. Wer am Samstag im gutbesuchten Forum der Anne-Frank-Gesamtschule erlebt hat, mit welcher Sensibilität Sigmund Bothmann den Bachchor Gütersloh zu einem luzid-transparenten und rhythmisch feinnervigen Singen zu bewegen vermochte, hat eine gleichwertige Alternative zu den »historisierenden«, kleinbesetzten Ensembles erfahren. Doch die zwei Madrigale aus der Sammlung »Sestina« von Claudio Monteverdi bleiben nicht die einzige Überraschung in diesem Programm, das mit einem Satz aus »Orpheus hinter dem Stacheldraht« den Bachchor erstmals mit einem Werk Hans Werner Henzes und somit auch als kundigen Anwalt der (gemäßigten) Moderne präsentierte.

Es waren nicht zuletzt die historischen Verbindungen und Querverweise, die den Reiz des sorgfältig zusammengestellten Programmes ausmachten. So erstaunte der große stilistische Unterschied zwischen den etwa im gleichen Zeitraum entstandenen (ca. 1610) Madrigalen Monteverdis und Gesualdos. Bevorzugte Monteverdi den ausgeglichen dahinfließenden Satz, so erwies sich der Manierismus Gesualdos als der diametrale Gegensatz. Wie im »Dolcissima mia vita!« aus dem 5. Madrigalbuch des Fürsten von Venosa die unbequeme Stimmaufführung insgesamt und das Wort »morire« (sterben) in der letzten Zeile fallbeispielhaft rhythmisch und intonatorisch akkurat und trefflich sinn- und affektdeutend ausgestaltet wurde, begeisterte durchweg. Und es bereitete perfekt auf Ildebrando Pizettis (1888-1968) »II Giardino di Afrodite« vor, ein sechsstimmiges Chorwerk, in dem der hierzulande nahe unbekannte Komponist in Stil wie Sujetwahl deutlich hörbar auf die Madrigaltradition zurückgriff.

Drei heitere Chorsätze der italienischen Renaissance (Gastoldi: »Amor vittorioso«), die auch die deutsche Musik eines Hans-Leo Hassler beeinflusste, wie in seinem gerühmten »Tanzen und Springen« zu hören war, und des elisabethanischen Englands (Morley: »Now is the month of maying«) boten der 13-köpfigen Jugendkantorei Gelegenheit, sich von der besten Seite zu präsentieren.

Unter der animierenden Leitung von Kantor Bothmann, der vom Cembalo aus dirigierte, beeindruckten die jungen Sängerinnen und (ein) Sänger durch Frische und Präzision gleichermaßen. Und auch Gastsolist Isabel Moret6n erwies sich als echter Glücksgriff für das Konzert. Ob der von jeglicher Sorge und Leidenschaft ungetrübte Bilderbuch-Klassizismus eines gewissen G. B. Pescetti (Sonate c-moll), Antome Francisques hochstilisierte Tanzsätze oder Respighis Bearbeitung einer anonymen »Siciliana« - die technisch tadellose Harfenistin spielte diese Musik mit soviel Charme und Anmut, dass sich der Hörer unwillkürlich an Watteou-Gemälde erinnert fühlte.

Etwas schlanker besetzt, wurde der Bachchor Claude Debussys »Trois Chansons de Charles d'Orleans« mit Sinn für delikate Farbgebung vollauf gerecht. Sehr ansprechend geriet vor allem der zweite Satz, ein Marschliedchen, in dem die hervorragende Alt-Solistin Bettina Pieck von einem QuasiDoppelchor »instrumental" begleitet wurde. Und auch die dynamische Verschmelzung von Chor und einem dezent heraustretenden Solo-Quartett im Finalsatz wurde dynamisch sehr subtil organisiert.

Mit besonderer Spannung erwartet: der 12-stimmige Henze-Chor »Wie war die Hölle?" nach Worten Edward Bonds. Mit bedrückender Intensität gestalteten Bothmann und der Chor das kurze, aber komplexe Werk. Wie von den Pianissimo-Clusterklängen an, die die Titelfrage formulieren, über die endlosen Wiederholungen des Wortes »Schweigen" (»Musik tönt dort wie ein Schweigen«) bis zum fahl ausklingenden Finale eine geradezu klaustrophobische Stimmung erzeugt wurde, bewies, mit welcher Identifikationsbereitschaft sich der exzellent agierende Chor des Werkes angenommen hat. Damit dürfte (hoffentlich) Hans Werner Henze endgültig in Gütersloh heimisch geworden sein.

Matthias Gans

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