10.11.1999, Neue Westfälische

Makellose Darstellungen

Bachchor sang Bach, Brahms, Penderecki in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh. Der Bachchor Gütersloh und sein Leiter Sigmund Bothmann kennt offensichtlich seine ,,natürlichen" Grenzen als Laienensemble nicht. Im Gegenteil! Wie er am Sonntag, wenige Wochen nach einem Konzert mit überaus anspruchsvollem weltlichen Programm, in der Martin-Luther-Kirche Doppelchöriges von Bach und Brahms sang und sich (nach Henzes ,,Orpheusbehind theWire") mit Pendereckis ,,Agnus Dei" erneut als exzellenter Anwalt schwierigster zeitgenössischer Chormusik erwies, war schlicht ein Mirakel.

Da mag es fast tröstlich sein, dass der Bachchor auf seinem ureigensten Gebiet, der Bach-Motette ,,Komm, Jesu, komm" für zwei vierstimmige Chöre zu Beginn bei der weich, fast zu zart genommenen Anrufung leichte intonatorische Schwächen offenbarte und erst in der dramatischen Massierung der kontrapunktisch eng geführten Stimmen deutlich an Kontur und Sicherheit gewann. Was dann folgte, war allerdings in seiner makellosen Darstellung von atemberaubender Wirkung. Max Regers ,,Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit" aus ,,Acht geistliche Gesänge" op. 138, nicht doppelchörig aber in seiner Achtstimmigkeit nicht weniger anspruchsvoll, lebt von der Pianokultur eines Chores.

Dass der Bachchor nicht nur darüber verfügt, sondern ohne unangenehme Forcierung mit sehr homogenem und weich gerundetem Klang die enorme dynamische Steigerung des Stückes bewältigte, war nur ein Wunder dieses Abends. Das andere schloss sich mit Krvsztof Pendereckis ,,Agnus Dei" (1981) an, dessen tonal begründete Melodik im immer dichter werdenden Chorsatz bei ansteigender Lautstärke seine Klimax in einem fast körperlich wahrnehmbaren Cluster im hohen Register fand und in schlicht-demütiger Bitte um ewige Ruhe ausklang. Grandios!

Christoph Grohmann' der bei der Bach-Motette mit dem sicher und selbstbewusst auf dem Cello spielenden Chormitglied Jörg Heinemann die Continuobegleitung auf dem Positiv absolviert hatte, verknüpfte die einzelnen Chorsätze mit passenden Werken an der Steinmeyer-Orgel. Neben dem eher bedächtig denn spielfreudig interpretierten Präludium und Fuge h-Moll BWV 544 war es das stimmungsvolle ,,Benedictus" op. 59/9 von Max Reger, das sich wunderbar in das Gesamtkonzept einfügte. Nach Olivier Messiaens architektonischem Meisterstück ,,Die Erscheinung der ewigen Kirche", bei dem Christoph Grohmann die adäquate Registerwahl traf und richtige Balance zwischen Sostenuto-Pathos und impulsgebendem Bass-Rhvthmus fand, wirkten Brahms' opulent-optimistische ,,Fest- und Gedenksprüche" für zwei vierstimmige Chöre (1890) fast ein bisschen hemdsärmelig. Doch erstens wirkte hier die programmatische Klammer der Doppelchörigkeit überzeugend, und zweitens wurden diese drei schwierigen Chorsätze so bestechend klar in ihrer Faktur, dabei so mitreißend in ihrem lebensfrohen Elan vom Bachchor gesungen, dass man schwerlich auf sie hätte verzichten mögen.

Diese aufgelichtete Stimmung, spürbar im großen Applaus, war auch nötig zur Bewältigung der schlecht beleuchteten Stolperstellen vor der Martin-Luther-Kirche.

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