22.12.1998, Neue Westfälische

Bezaubernde Detailarbeit

Bachchor Gütersloh sang Werke von Schütz, Verdi, Gabrieli

Gütersloh. Kantor Sigmund Bothmann feilt an seinem Bachchor, der »immer noch besser wird«. So urteilte am Sonntag abend in der Martin-Luther-Kirche beim Weihnachtskonzert des Chores ein begeisterter Zuhörer. Zwar kann der Chor kraftvoll ausladend und mit dennoch herrlich kompaktem und rundem Ton singen, am wirkungsvollsten geraten indes häufig die leisen Passagen. Hier entpuppten sich die Gütersloher als Zauberer der Detailarbeit, die besonders Giuseppe Verdis »Pater noster« von 1879 mit feinen farblichen Valeurs und perfekt abgestimmt sangen.

Geistliche Werke spielten im Leben des großen italienischen Opernkomponisten, der laut Arrigo Boito immer »die richtige Note im richtigen Augenblick« schrieb, eine bedeutende Rolle. Nach dem genialen Requiem von 1874 haben vor allem die kleinen geistlichen Kompositionen Verdis eine ganz intime Bedeutung von Gebet und Bekenntnis. Verdi sah sich in der Tradition Palestrinas, den er für den »Vater der italienischen Musik« hielt. Bemerkenswert, daß der glänzend aufgelegte Gütersloher Bachchor das »Pater noster« vor nicht ganz ausverkauften Haus ganz behutsam und spürbar in der Tradition Palestrinas sang. Tatsächlich haben Verdis geistliche Werke mit seinem dramatischen Opernschaffen wenig gemeinsam.

Zuletzt 1986 hatte der Bachchor die Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz gesungen: Am Sonntag überzeugte der Chor mit beherrschter Dynamik und konzentrierter Tongebung, großer Eloquenz und viel Eleganz. Ebenso überzeugend sangen die Solisten: Joachim Thalmann (Bariton) gab einen innigen und teilweise sogar recht dramatischen Evangelisten, während Andreas Jören (Bariton) in der Baß-Partie des Herodes mit nuancierter Emphase -und einer wundervollen Stimme- glänzte. In den Rollen des Engels, der Hirten, Könige und Hohepriester zeigten Sänger des Bachchores ihre solistischen Talente. Höhepunkt des Konzertes war dennoch der Auftritt von Countertenor Jan Kollmar, der in Giovanni Gabrielis »Hodie Christus natus est« schön wie ein Seraph sang. Zeigte seine Altstimme zu Beginn - wohl' aus Nervosität - noch einige Schärfen, so waren nach kurzer Zeit alle Ecken mit Samt bedeckt. Auch den virtuosen Passagen des Italieners war Kollmar problemlos gewachsen. Das galt meistens auch für das begleitende Instrumentalensemble, das allerdings nicht immer im Bild war: zuweilen schleppten die Instrumentalisten deutlich, auch verloren sich einige Streicherakkorde im tonlichen Niemandsland.

Und dann war da noch eine geradezu überirdisches Zugabe: Ganz leise und immer noch leiser werdend sang der Bachchor das Weihnachslied »Es ist ein Ros entsprungen«. Klar, daß selbst Standards neu erfahren werden können, wenn sie richtig gesungen werden. Eigentlich sangen die Gütersloher Musiker kaum mehr, aber wie sie flüsterten! Ein wunderschöner Moment.

Thomas Strünkelnberg

---