29.09.1998, Neue Westfälische

Perfekt gestalteter Musikrausch

Drei Organisten und Bachorchester eröffneten Orgelwoche

Gütersloh. Nie hat sie besser geklungen, die frisch renovierte Steinmeyer-Orgel in der Martin-Lutherkirche. Und kaum hätte man die neugewonnene KlangfüIle dieser »Königin der Instrumente« besser demonstrieren können, als mit den populärsten Juwelen der sinfonisch konzertanten Orgelliteratur, den g-moll Konzerten von Rheinberger und Poulenc und dem d-moll-Reißer von Guilmant. Berechtigte Ovationen für drei exzellente Organisten: Norbert Düchtel, Christian Weiherer und Kantor Sigmund Bothmannn, die sich über die hinreißend gelungene Eröffnung der ersten Gütersloher Orgelwoche am Samstag freuten wie die Chorknaben. Die Ovationen schlossen auch das romantisch-glutvoll spielende Bachorchster Gütersloh mit ein, das unter Leitung des Musikverein-Chefs Karl-Heinz Bloemeke hörbar seine Freude am Dialog mit dem zuweilen herrisch aufbrausenden Kircheninstrument, der größten Orgel im Kreis Gütersloh, hatte.

So gern gehört und gespielt diese Stücke auch heute werden, so stehen sie doch recht einsam im sinfonisch-konzertanten Katalog da. Guilmant und Rheinberger hatten mit ihren Orgelkonzerten kaum Vorbilder. Die Orgel ist das instrumentale Stiefkind der Romantik, und wenn Rheinberger und Guilmant Konzerte für Orgel und Orchester schrieben, so ist das auch als Versuch zu verstehen, das Instrument im aufgeklärten 19. Jahrhundert außerhalb seiner liturgischen Funktion für den Konzertsaal zu gewinnen. Experimentell darf man diese Werke nicht nennen. Sie sind formal konventionell gebaut und melodisch sehr eingängig. Vor allem Rheinbergers Konzert in g-moll op. 177 (1894) weiß das Orchester als klangspezifisches Pendant zur Orgel differenziert einzusetzen, während Guilmant zur Verdopplung klanglicher Prachtentfaltung neigt. Einzigartig und orginär Poulenc ist dessen 1938 entstandenes Konzert für Orgel, Streicher und Pauken, das Claude Rostands Bonmot über den Komponisten als ,,Mönch und Lausbuben" der Übertreibung straft. Denn die tiefernsten, konflikthaften Anteile des Stückes überwiegen deutlich gegenüber dem hemdsärmeligen Gassenhauer-Stil, der den jungen Poulenc kennzeichnete.

Nicht hemdsärmelig, aber durchaus lustbetont und technisch den Stücken vollkömmen gewachsen, gaben die drei Organisten, sämtlich Schüler von Gerhard Weinberger, jeweils individuell profilierte Interpretationen der Werke ab. Man nutzte die großzügigen räumlichen Möglichkeiten der Lutherkirche, und postierte das Orchester auf der Empore in der Nähe des Solisten. Das ließ ein präziseres Zusammenspiel zu. Und auch der Klang konnte sich von dort aus nahezu gleichberechtigt im Kirchenraum entfalten, allenfalls im »Parkett« hörte sich das Orchester im Vergleich zur Orgel etwas indirekt an. Doch auch dort wußten die Hörer das exakte Spiel Norbert Düchtels zu schätzen; erfreuten sich am unsentimental gespielten Andante Rheinbergers und am geschickt gesteigerten Konzert-Finale. Noch mehr kam diese Aufstellung der kammermusikalischen Faktur des Poulenc-Werkes entgegen, bei dem einige Streicher ihre solistischen Aufgaben bravourös bewältigen und Christian Weiherer den Orgelpart mit Sinn für Dramatik, vorzüglicher Technik und überzeugender Phrasierung ausfüllte.

Zum Abschluß Guilmants d-moll-Sinfonie op. 4211, gespielt von Kantor Sigmund Bothmann selbst. Man mag dem Stück äußerliche Effekthascherei, der Pastorale verstärkten Druck auf die Tränendrüse vorwerfen. Doch es ist eine mitreißend festliche Musik, die bis zum pathetischen Finale mit schwerem Blech und Tschingerassabum fesselt. Sigmund Bothmann und »sein« Orchester unter der genauen und hörbar animierenden Leitung von Karl-Heinz Bloemeke hatten ebenso ihren Spaß am perfekt entworfenen Klangrausch wie das fast schon heidnisch tobende Publikum.

Matthias Gans

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