23.12.1997, Neue Westfälische

Weiten musikalischen Bogen gespannt

Weihnachtskonzert des Bachchores in der Martin-Luther-Kirche

Gütersloh. Rogier Michael (1550 ­ 1619) ist heute kaum mehr bekannt. Dabei verdient der in Mons geborene Belgier franko-flämischer Tradition musikhistorisch höchste Beachtung. Hat er doch die Gattung der »Weihnachtshistorie« mit seinem gut 20minütigen Werk »Die Geburt unseres Herren Jesu Christ« von 1602 begründet. Musikgeschichte ist eine trockene Materie; daß Rogier Michael mit diesem Stück aber auch ein nach wie vor aufführungs- und hörenswertes Werk geschrieben hat, bewies der Bachchor Gütersloh unter der Leitung von Sigmund Bothmann in der gut besuchten Martin-Luther-Kirche.

Die undankbare Partie des Evangelisten hatte Stephan Hinssen übernommen. Undankbar deshalb, weil Hinssen zwar den weitaus größten Teil des Textes zu singen hat, Rogier Michael den Part aber noch ganz in der Tradition des Lektionstones beläßt. Die einzige musikalische Bewegung ist ein aufsteigender Dreiklang, um schließlich auf dem Quintton verharrend syllabisch zu deklamieren. Hinssen verfällt glücklicherweise nicht der narkotisierenden Wirkung dieses selten verzierten Lektionstones, sondern er versucht, an geeigneten Passagen den Textgehalt behutsam zu dramatisieren. Das gelingt ihm ohne grimassierende Forcierungen vorzüglich. Dabei verfügt Hinssen über einen klaren, volumenreichen und tragfähigen Tenor, der ihn die Spannung über die ganzen 20 Minuten zu halten befähigt. Rogier Michael überträgt dem Chor die übrigen Personen in freier Satzgestaltung. Die einzelnen Chorregister gestalten diese Passagen sehr sauber und reaktionsgenau. Der anregende Impuls, den Sigmund Bothmann gibt, wird ansprechend umgesetzt und so die Kontraste des Werkes- statischer Erzählerton einerseits, dramatisch belebende Chorszenen andererseits ­ exzellent ausgereizt.

Die polyphone Kunst des 16. Jahrhunderts aus dem süddeutschen Raum, eine Motette Johann Walters und ein Quodlibet Leonhard Pamingers, sowie zwei zeitgenössische Kompositionen des Norwegers Trond Kvernound des Esten Urmask Sisask spannten den weiten, fast 500 Jahre umfassenden Bogen, geistlicher Musik. Daß der Bachchor mit der alten Musik zutiefst vertraut ist, und sie trotz gravierender Mißverhältnisse von Männer- und Frauenstimmen, adäquat realisieren kann, dürfte niemanden überraschen. Aber auch das sechsstimmige »Ave maris stella« Kvernos und Sisasks »Benedicto« für achtstimmigen Chor entfalteten in virtuoser Ausspielung der permanenten Wiederholung thematisch kleinzelliger Gebilde ihre fesselnde, fast soghafte Wirkung. Erstklassige Musik, die nicht nur von den bekannt exzellenten baltischen Chören, sondern auch von »unserem« Bachchor angemessen interpretiert werden kann. Eine tolle Leistung.

Einen Dämpfer erlebte das Konzert allerdings durch die Orgelbeiträge Christian Weiherers. Wohl wegen der erst halb renovierten Orgel erklangen die vier Chorbearbeitungen und die Präludien und Fugen E-Dur BWV 566 und C-Dur BWV 547 in ihrer monochromen Registrierung so lustlos und langweilig. Ostern wird das Instrument (hoffentlich) wieder in voller Pracht erklingen, und dann kann Christian Weiherer seinen an sich guten Ruf in Gütersloh auf adäquatem Instrument neu unter Beweis stellen.

Matthias Gans

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