04.11.1997, Neue Westfälische

Himmlische Klangmalerei

Bachchor Gütersloh sang Brahms' »Deutsches Requiem«

Gütersloh.Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? In der gesamten Bundesrepublik wird in diesem Jahr des einhundertsten Todestages Johannes Brahms' in Wort und Musik gedacht, doch kein Gütersloher mußte am Sonntag die Stadt verlassen, um eine erstklassige Aufführung des »Deutschen Requiems«, op. 45 zu erleben. Sigmund Bothmann, renommierter und hochgelobter Kantor der evangelischen Kirchengemeinde, vereinte unter seiner Leitung den Bachchor Gütersloh, das Bachorchester Gütersloh sowie die Solisten Stephanie Stiller (Sopran) und Andreas Jören (Bariton) in der Martin-Luther-Kirche zu einem geschlossenen Klangkörper.

Bereits neun Jahre vor seiner 1. Sinfonie - großer Respekt vor Beethovens musikalischem Erbe erlaubte keine frühere Entstehung - komponierte Johannes Brahms dieses Werk für Soli, Chor, Orchester und Orgel 1868 als ersten Sammlungspunkt seines bisherigen Schaffens.

Unsentimentaler Charakter

Seinem zutiefst unsentimentalen und freidenkenden Charakter entsprechend, verzichtete er als Textgrundlage auf die überlieferte Liturgie und wählte selbst, hier wie auch in späteren Vokalwerken, treffende Bibelzitate. Sprechen die Worte lediglich von Trauer und Leid auf der einen und Trost auf der anderen Seite, verbirgt sich die dort fehlende Erlösung in Brahms' himmlischer Klangmalerei.

Neben düsteren, schwermütigen und grimmigen Passagen finden sich Phrasen äußerster Harmonie. Dissonanzen lösen sich derart befriedigend auf, daß selbst der nicht trauernde Zuhörer für den Moment mit allem Unbehagen der letzten Zeit versöhnt wird. Eine derartige Erlösung kann das Wort kaum geben.

Sigmund Bothmann ließ das Requiem ganz und gar im Brahmsschen Stil intonieren. Bar jeder romantischer Sentimentalität und jedes Pathos dirigierte er sehr metrisch und schnörkellos und verzichtete so auf das gegen Ende des 19. Jahrhunderts so beliebte, rührige Rubato. Auch heute noch erliegen viele Interpreten der Versuchung, Werke des Barock, der Klassik und jene von Johannes Brahms zu romantisieren. Glücklicherweise werden es immer mehr, die sich dagegen bewußt wehren. Selbst mit Fermaten versehene Schlußakkorde brach Bothmann früh ab, bevor sie eine beruhigende Länge erhalten konnten.

Im Bereich der Dynamik jedoch schöpfte er alle Möglichkeiten des Klangkörpers aus und differenzierte beinahe taktweise. Glücklich kann sich Sigmund Bothmann schätzen, Musiker gefunden und Sänger instruiert zu haben, die seine Intention zum Klingen bringen. Der Bachchor Gütersloh, seit kurzem erster Preisträger des 5. Landeschorwettbewerbs, machte seinem stetig wachsenden Ruhm alle Ehre und sang mit großer Perfektion in Dynamik, Klangfarbe und Intonation. Der Beginn, »Selig sind, die da Leid tragen«, klang weich und geradezu entrückt, doch »Tod, wo ist dein Stachel« klang wie der kontrollierte Zorn des Himmels. Eine größere Wirkung hätte lediglich ein doppelt so großer Chor erzielen können. Zwischen diesen Extremen bewegte sich der Chor stets textgetreu.

Selten gehörte Intensität

Das Bachorchester Gütersloh übernahm weithin, doch im besten Sinne, begleitende Funktion. Insgesamt tadellos, sei hier das Blech besonders hervorgehoben, das exzellent gestimmt war und mit seiner Klangfarbe die Wirkung der Worte trefflich überhöhte. Refenzstandard gelang dem Orchester auch während des beinahe kammermusikalischen Zusammenspiels mit der Sopranistin Stephanie Stiller. Die klangliche und dynamische Balance zwischen ihrer klaren und unaufdringlichen Oratorienstimme sowie Chor und Orchester war einer der vielen Höhepunkte der Aufführung.

Von dem Bariton Andreas Jören, wie auch von Stephanie Stiller, hätte man sich sehr viel mehr Passagen gewünscht. Sein vor allem in den hohen Partien schnell vibrierendes Timbre war von selten gehörter Intensität und weckte das Verlangen nach weiteren Klängen aus seiner Kehle.

Die Zuhörerschaft bedankte sich mit tosendem Applaus für diese große Leistung und wird den Kirchenraum sicher auch bei zukünftigen Konzerten bis auf den letzten Platz füllen.

Michael Moch

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